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Lovely Rita

A/D 2001. R,B: Jessica Hausner. K: Martin Gschlacht. S: Karin Hartusch. P: coop 99, Essential, Prisma. D: Barbara Osika, Christoph Bauer, Peter Fiala, Wolfgang Kostal, Karina Brandlmayer u.a.
80 Min. Alamode ab 25.4.02
Von Thilo Wydra Es ist unverkennbar, hier muß Michael Haneke Pate gestanden haben – gerade und insbesondere seine äußerst kontrovers diskutierten Funny Games, die seinerzeit in Cannes für Furore sorgten und die Diskussion über das direkte Aufzeigen von Gewalt im Kino neu aufflammen ließen. Wie weit darf und kann und soll man gehen?

Nicht wenige haben den Österreicher und Cannes-Stammgast Haneke, den derzeit wohl erfolgreichsten und renommiertesten deutschsprachigen Autorenfilmer, für seine Arbeit regelrecht gehaßt – und tun es heute freilich noch immer. Die junge Regisseurin und Drehbuchautorin Jessica Hausner – die dieses Jahr gerade mal 30 Jahre jung wird, die Wiener Filmakademie besuchte und bisher zwei filmische Arbeiten (Flora, 1996; Inter-View, 1999) inszenierte – sie hat all das wohl wenig bis gar nicht beeindruckt, dieses polemische Genörgel am (möglichen) Vorbild Haneke.

Und das ist auch gut so. Denn mit ihrem äußerst bemerkenswerten Langfilm-Debüt Lovely Rita – übrigens ebenfalls in Cannes präsentiert, 2001 in der Sektion »Un Certain Regard« – bläst sie laut ins Hanekesche Horn, und dies gleich erstaunlich gut. Es ist dies eine kleine deutsch-österreichische Koproduktion, in Wien und Umgebung gedreht, erst auf Video, dann auf 35 mm aufgeblasen, mit Laiendarstellern besetzt und von Jessica Hausner schlichtweg hervorragend recherchiert und inszeniert. Da stimmt einfach alles. Da wirkt nichts aufgesetzt oder drangehängt.

Ein Stück Wirklichkeit. Ein Stück Österreich. Krude. Hart. Rauh. Brutal auch. Bonjour Tristesse im Wienerischen: erstickende, beklemmende Biederkeit im phobiendurchzogenen Elternhaus, die die 15-jährige Rita (authentisch gut und eine wahre Entdeckung: Barbara Osika) nicht mehr erträgt. Die sie später zu einer Greueltat führt, bei der man die Luft anhält. Schlingenartig zieht sich alles zu, bis hin in die Ausweglosigkeit. Irgendwann muß es raus, platzt ihr Ventil, wird der Überdruck zu stark. Denn ihre Klassenkameraden verhöhnen sie. Denn ihre Lehrer mögen sie nicht. Denn ihre Eltern, die sperren sie ein, um sie zu erziehen. Eltern, Gefangene ihrer selbst. Und sie halten Rita gefangen. Die versucht innerlich und äußerlich auszubrechen. Raus aus dem Kopfgefängnis. Raus aus der Suppression. Weg! In die Freiheit! Diese Freiheit erkämpft sie sich, etwa mit einem noch zu jungen Jungen, mit dem sie ebenso körperlich wird wie mit einem älteren Busfahrer. Hauptsache: Freiheit. Koste es, was es wolle. Und wenn's der eigene Körper, die eigene Seele ist.

Lovely Rita – ein Film, gänzlich unprätentiös. Gänzlich authentisch und wahrhaftig und glaubwürdig und bewegend und schockierend. Ein Film über Gewalt, über Gewalttätigkeit, über den Nährboden vor allem. Und ganz ähnlich wie bei Haneke ist es reinster – inhaltlicher und visueller – Minimalismus, der hier die Eskalationsspirale unspektakulär seziert und unter's Brennglas nimmt. Die formale Reduktion als adäquates Mittel, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Lovely Rita – das ist auch ein Gefängnisfilm, und damit ist er im Übrigen neben Haneke dem Werk einer anderen Regisseurin, einer Autorenfilmerin, durchaus teilverwandt: Alle Filme Margarethe von Trottas sind Gefängnisfilme, mal überhöht, mal ganz unmittelbar und real. Aber Jessica Hausner, diese Hoffnung aus dem Österreichischen, sie wird ihren ureigenen Weg gehen. Wird weiter ihre eigenen Bilder machen. Angst-Bilder einer Welt, die sie sich wohl anders wünscht. Die aber nunmal so ist. So wie Ritas Welt. Und ihr geistiger Ziehvater Michael Haneke hält weiter schützend die Hand darüber. 1970-01-01 01:00

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