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Love & Dance

Sipur Hatzi-Russi. IL 2006. R,B: Eitan Anner. K: Itzik Portal. S: Tali Halter-Shenkar. M: Yonatan Bar-Giora. P: Bleiberg Entertainment, July August Productions. D: Genia Dodina, Avi Kushnir, Oksana Korostyshevskaya u.a.
95 Min. 3L ab 12.4.07

Russendisko

Von Sebastian Gosmann Schon gewußt? Billy Elliot hat einen Bruder. Chen sein Name. Der ist zwei Jahre älter, lebt in Israel und findet anscheinend im Judo ebenso wenig Erfüllung wie Billy offensichtlich im Boxen. Beide sehen sich gezwungen, ihre neue Leidenschaft vor ihren homophoben Vätern geheimzuhalten. Billy & Chen – they will dance.

Soweit die Parallelen zu Stephen Daldrys Welterfolg von 2000, die man im übrigen gar nicht erst zu leugnen versucht. Love & Dance umtänzelt zwar ebenfalls – wenngleich nicht ganz so leichtfüßig – das Thema der Identitätssuche. Doch während Daldry von der Liebe eines Jungen zum Tanz selbst erzählt, ist es bei Eitan Anners Schützling eine Tänzerin, deren Schönheit und Grazie ihn im Sturm erobert. Einzig um ihr nahe zu sein, besucht Chen immer wieder den Unterricht – nur zögerlich öffnet er sich der Faszination des Paartanzes. Letztlich sind es gar dessen strenge Regeln, die ihm peu à peu jenes Selbstbewußtsein vermitteln, welches ihn zur Emanzipation von seinem bikulturellen Elternhaus befähigt.

Mit dem Zuzug von bis heute etwa einer Million russischer Juden, die nach dem Niedergang der Sowjetunion in Israel eine neue Heimat fanden, ergab sich ein Integrationsproblem. Die Ressentiments der Israelis gegenüber der entstandenen russischen Parallelgesellschaft sind allgegenwärtig, hat man es den Immigranten durch das »Law of Return« doch ausgesprochen leicht gemacht, am Wohlstand des israelischen Staates zu partizipieren. Mit der Behandlung dieses gesellschaftlichen Konflikts und dem Herunterbrechen dessen auf die familiäre Ebene hebt sich Anners Film wohltuend ab von seinem britischen Vorgänger. Chens Vater besteht daheim inbrünstig auf der hebräischen Sprache und trichtert dem Jungen immer wieder ein, mehr als zur Hälfte nicht russisch zu sein. Selbst nach langen Jahren der Ehe scheint ihm das Wesen seiner russischen Frau noch vollkommen fremd zu sein.

Vor allem für die innere Zerrissenheit des 13Jährigen hält Eitan Anner die passenden Bilder bereit. Seinen stärksten Ausdruck findet das Seelenleben Chens, als die Situation zu Hause eskaliert und sein Vater ihn zum Komplizen zu machen beabsichtigt. Das Mißtrauen des zerbrechlich wirkenden Jungen ist in dieser Szene überdeutlich – und doch geschieht die Flucht nicht ohne ein letztes Zögern. Auch wenn Love & Dance nicht immer um eine allzu geschmäcklerische Bebilderung der Tanzszenen herumkommt und den Rezensenten mit seiner gefälligen Schlußszene regelrecht verärgert, so ist Anner dennoch vor allem ein Händchen für die Entwicklung stimmiger Charaktere zu bescheinigen, für deren Glaubwürdigkeit das erstklassige generations- und kulturübergreifende Darstellergespann sorgt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
© 2012, Schnitt Online

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