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Lost Killers

D 2000. R,B,M: Dito Tsintsadze. K: Benedict Neuenfels. S: Stephan Krumbiegel. M: Miriam, Udo Schöbel u.a. P: Peter Rommel. D: Nicole Seelig, Misel Maticevic, Lasha Bakradze, Elie James Blezes u.a.
100 Min. Advanced ab 3.5.01

Out of Mannheim

Von Annette Kilzer Das Kino besitzt diese eigentümliche Dichotomie, Mythen zu bilden und den Trends genauso oft hinterherzuhecheln, Utopien zu entwerfen, um real existierende soziale Verhältnisse lange zu ignorieren. Mit einer ebenso unverständlichen wie unverschämten Verspätung hat das deutsche Kino endlich Leben, Lieben und Leiden von Migranten als Stoff für seine Stories entdeckt.

Und zwar nicht nur für – leider zu oft schwer dräuende – Problem- oder Autorenfilme, sondern für das ganze Filmspektrum von No- über Low-Budget bis manchmal sogar Mini-Major-Produktionen quer durch die Genres und Spielarten, von plus minus null bis Kanak Attack, von Freunde bis England. Was zu einer Häufung führt, die nicht kalkuliert wirkt wie vor einigen Jahren die Klone von Erfolgsgeschichten à la Knockin' on Heaven's Door oder Der bewegte Mann, die aber dennoch den Eindruck erweckt, als avanciere Multi-Kulti gerade zum High Concept des deutschen Arthouse-Films. Ähnlich wie Geschichten von einsamen Zweiflern und verlorenen Seelen, die Short Cuts-mäßig durchs Leben und die Großstadt driften.

Lost Killers ist ein Film aus der Schnittmenge dieser beiden Prinzipien. Und ein unerwartetes Meisterwerk. Ein Film, der Melancholie mit mitreißendem Mutterwitz verbindet, der traurig macht und gleichzeitig tröstet. Auch das ist einer dieser Widersprüche, die nur im Kino so wunderbar zusammengehen…

Der Titel von Dito Tsintsadzes zweitem Spielfilm, sieben Jahre nach seinem mit dem Silbernen Leoparden ausgezeichneten Debüt Zghvardze (Am Rande), läßt eigentlich einen Thriller vermuten. Doch der Krimi-Plot, in dem der Kroate Branko und der aus Georgien stammende Merab versuchen, mit einem einzigen gezielten Schuß auf einen russischen Geschäftsmann ins große Geschäft des internationalen Auftragsmordes einzusteigen, ist nur einer von vielen miteinander verwobenen Handlungssträngen. Er bestimmt eher den Ton als das Thema des Films und dient der Charakterisierung der Figuren mehr als dem ernsthaften Versuch, Krimispannung zu erzeugen.

Szenen zwischen Tragikomik und Slapstick: Merab rennt vor lauter Nervosität ständig aufs Klo, Branko rüffelt ihn wegen der dadurch verpaßten Chancen, obwohl offensichtlich ist, daß auch seine großspurigen Posen und coolen Sprüche eher aus Pulp Fiction adaptiert als echter Ausdruck einer abgebrühten Killer-Mentalität sind. Doch die beiden sind vielleicht lost, aber nicht einsam. Sie gehören zur Szene und sind dabei doch Außenseiter der Gesellschaft, denn ihr Lebensmittelpunkt ist eine Rotlichtkneipe am Mannheimer Güterbahnhof, dort, wo die vietnamesische Nutte Lan anschaffen geht, die wegen ihres schlechten Gebisses meist vergeblich auf Freier wartet und der als Erinnerung an ihre Familie nur ein paar Zähne ihrer Mutter und die Asche ihres Vaters geblieben sind. Und wo sie den Haitiianer Carlos kennenlernt, der sich mit einer illegalen Nierenspende den Traum von Australien verwirklichen will.

Vier Figuren, die eigentlich allen Grund zum Heulen hätten und sich doch trotzig gegen das Leben stemmen – wenn sie nicht gerade in eine alkoholgeschwängerte Larmoyanz verfallen, und da dies ein Film von einem Osteuropäer mit Osteuropäern ist, saufen sie viel (kein Affront! Reine Empirie!). Was alle(s) bloß um so sympathischer macht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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