— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Lost in Translation

USA 2003. R,B: Sofia Coppola. K: Lance Acord. S: Sarah Flack. M: Kevin Shields, Air, Brian Reitzell. P: American Zoetrope, Elemental Films. D: Bill Murray, Scarlett Johansson, Giovanni Ribisi, Anna Faris u.a.
102 Min. Constantin ab 08.01.04

Tokio-Ballade

Von Matthias Grimm Fast eine volle Minute redet der hitzköpfige japanische Regisseur auf Bob Harris ein. Der versteht als Amerikaner kein Wort und ist auf die Übersetzung angewiesen: »Drehen Sie Ihren Kopf, und nehmen Sie einen Schluck aus dem Glas.« – »Mehr hat er nicht gesagt?«, meint Bob überrascht, und als er eine Rückfrage stellt, ist die Antwort gleichermaßen lang wie überschwänglich. Die Übersetzung dagegen: »Von links nach rechts.«

Das titelgebende Übersetzungsproblem, in dem sich die Protagonisten verlieren, stellt als nahezu einziger, aber dafür umso häufiger wiederholter Witz den roten Faden dar, der sich durch Sofia Coppolas Tokio-Ballade zieht, und ein richtiger Brüller ist er schon beim ersten Mal nicht wirklich. Doch eigentlich bildet er mehr das Fundament des Films, den Katalysator, um die Figuren sich in etwas anderem verlieren zu lassen: in Einsamkeit. In all den unverständlichen Sprachfetzen, den Neonlichtern und endlosen Straßenschluchten der Großstadt ist es weniger Schicksal als lebensrettende Unausweichlichkeit, daß sich die beiden Amerikaner Bob und Charlotte begegnen, um die Dinge zu teilen, die sie an diesem Ort am anderen Ende der Welt verbindet: Schlaflosigkeit. Einsamkeit. Und Worte, die die beiden auch verstehen, wenn sie nur Blicke austauschen.

Auch Lost in Translation verliert sich. In Melancholie. In zarten Gefühlen, die niemals sein dürfen, aber dennoch jederzeit zu spüren sind. In Augenblicken, die angefüllt sind mit Sehnsucht nach dem Unaussprechlichen. Und selbst Sofia Coppola verliert sich: In Bildern, die leider viel zu selten sind. Bildern von Einsamkeit und Ruhelosigkeit. Innerem Schmerz und Verlorensein. Bilder von leeren, zerwühlten Betten, verlassenen Zimmern, in denen nur das ferne Surren eines elektrischen Rasierapparates das Vorhandensein von Menschen andeutet, welche in der Lage wären, die Leere auszufüllen. Leider, wie gesagt, Momente, die viel zu selten sind. Denn gerade ein Thema, wie es Lost in Translation zu behandeln wünscht, hätte nach mehr verlangt als der strunzbiederen Kameraarbeit, die Coppolas Kameramann den Rest der Zeit über leistet. Insbesondere, da sich jede Großstadt-Ballade, jedes sich in Melancholie und Einsamkeit verlierende Stück Kino, speziell wenn es in Ostasien angesiedelt ist, mit Kalibern eines Wong Kar-wai messen lassen muß.

Aber gegen diese Klasse verliert Lost in Translation. Vor allem auch, weil er in manchen Szenen schlicht ärgerlich ist: wenn er sich in billigsten kulturellen Klischees ereifert; wenn er Satire auf die Generation Jetlag sein möchte, aber nur platte Charaktere und Charakterisierungen bemüht; wenn er möglichst bizarre Szenen und Szenarien entwirft, um die Figuren sich einmal mehr fehl am Platze fühlen zu lassen.

Was bleibt, sind ein paar Momente und ein großartiger Bill Murray, der, immerhin, das zeigt dieser Film deutlich, viel häufiger ernste Rollen spielen sollte. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #33.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap