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Losers and Winners

D 2006. R,B,K: Michael Loeken. R,B: Ulrike Franke. K: Rüdiger Spott. S: Guido Krajewski. M: Maciej Sledziecki. P: Filmproduktion Loekenfranke.
96 Min. GMfilms ab 15.3.07

Currywurst süß-sauer

Von Mark Stöhr Eine Kokerei im Ruhrgebiet wird abgebaut und in China wieder aufgebaut. Der einstige Stolz einer Stadt, milliardenteuer und einstmals Arbeitsplatz vieler hundert Menschen, wird zum Symbol der technologischen Aufholjagd in Fernost. Hier ein Ende, dort ein Beginn. 400 chinesische Arbeiter gegen eine Handvoll deutscher Abbruchverwalter – ein Wettbewerb voller Untiefen.

Kaum sind die Chinesen da, gibt es Streß. Die Stromverbindungen in den Wohncontainern wurden eigenmächtig verlötet und gehen ganz andere Wege, als es der deutsche Standard vorsieht. Eine Leiter, viele Meter hoch, wird nur von Drähten zusammengehalten. Rainer Kruska und Werner Vogt, zwei Elektriker, die die Demontage der Kokerei Kaiserstuhl in Dortmund begleiten, trauen ihren Augen nicht. Also werden Gesetzestexte und Sicherheitsvorschriften deklamiert, daß es nur so kracht. Und da die Chinesen nichts von alledem verstehen, lassen die Deutschen bisweilen auch einfach Taten sprechen: Die Leiter wird kurzerhand umgekippt – sollen die da oben doch schauen, wie sie wieder runter kommen. Es ist ein schwieriger Beginn der Zusammenarbeit, und eigentlich ändert sich das auch bis zum Ende nicht, anderthalb Jahre später, wenn sich die Chinesen freudetrunken in den Armen liegen, und das Werk zur Verschiffung bereit in Einzelteile verpackt ist. Für Kruska und Vogt und die wenigen anderen ehemaligen Kokereiarbeiter geht da endgültig eine Ära zu Ende und beginnt eine ungewisse Zukunft: »Kurzarbeit 0«, »Anpassung«, Vorruhestand – das ganze Arsenal der Abwicklungsdramaturgie. Anderthalb Jahre lang waren sie noch einmal wichtig, dachten sie jedenfalls.

Ulrike Franke und Michael Loeken – Autoren von Filmen wie Und vor mir die Sterne…, Herr Schmidt und Herr Friedrich oder Soldatenglück und Gottes Segen (2001) – sind die Meister des pointierten Erzählens im deutschen Dokumentarfilm. Kaum einem gelingt es wie ihnen, Witz und Melancholie bisweilen in einem Bild zu vereinen, kaum einem, Protagonisten zu finden, die eine zum Lachen komische und zum Weinen traurige Ambivalenz in sich tragen. Vogt ist so einer, wenn er wie ein Sheriff übers Werksgelände trabt und den Oberchecker gibt und im nächsten Moment betröppelt im Pausenraum sitzt und die Kanne kaum aus der Kaffeemaschine kriegt. Oder auch Mo Lishi, der chinesische Projektleiter, der schon vom Abbau der Airbus-Werke träumt und im Auto Mao-Lieder mitsingt, bevor er sich beim Mercedeshändler die Nase plattdrückt an den Scheiben der neuesten Modelle. Und doch merkt man, mit welchen Schwierigkeiten die Filmemacher zu kämpfen hatten. Mit der Sprachbarriere, dem wuselnden Heer von Arbeitern, der Gigantomanie des Abbruchprojekts. Wie den »alten Ausländern« – wie die deutschen Arbeiter despektierlich auf der Baustelle genannt werden – gelingt es auch ihnen nur in seltenen Szenen, die Distanz zu den Chinesen zu überwinden. Sie bleiben oft eine amorphe Masse der Unermüdlichen und Leistungsfreaks, denen kaum etwas Persönliches zu entlocken ist.

Ein grandioses Sittengemälde der Globalisierung ist es jedoch allemal geworden. Fast schon zu schlüssig, fast schon zu einfach. Aber so sind die Zeiten. So wie es einfach klar war, daß just nach dem Abbau der Kokerei die Weltmarktpreise für Koks explodierten. Die Produktionstechnik wurde relativ billig exportiert, der Import für das Produkt kommt nun ungleich teurer. Eine einfache Pointe. Fast schon zu einfach. 1970-01-01 01:00

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