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Long Walk Home

Rabbit-Proof Fence. AUS 2002. R: Phillip Noyce. B: Doris Pilkington. K: Christopher Doyle, Brad Shield. S: Veronika Jenet, John Scott. M: Peter Gabriel. P: Rumbalara-Olsen Levy. D: Kenneth Branagh, Everlyn Sampi, Laura Monaghan, Tianna Sansbury u.a.
94 Min. Arsenal ab 29.5.03

Im Niemandsland

Von Mark Stöhr Im Jahre 1996 erschien das Buch »Follow the Rabbit-Proof Fence« der australischen Autorin Doris Pilkington, in dem sie die leidvolle Lebensgeschichte ihrer Mutter Molly Craig dokumentiert. Sie gehörte zu den an die 100.000 Mischlingskindern – halb aboriginal, halb weiß – die zwischen 1910 und 1976 nach einer Rasseverordnung des australischen Staates mit dem euphemistischen Titel »General Child Welfare Law« ihren leiblichen Eltern weggenommen und in lagerartige Erziehungsheime weit weg von Zuhause verschleppt wurden.

Hintergrund war eine abstruse Blut- und Boden-Theorie A. O. Nevilles, des ersten »Chief Protectors« der Aboriginals im Westen des Landes, derzufolge sich die dunkle Hautfarbe der Kinder in der dritten Generation verlöre, wenn man sie nur mit Weißen verheirate. Den in Gewahrsam Genommenen war jegliche Berührung mit ihren Eltern, ihrer Sprache und Kultur verboten, was einer genozidalen Auslöschung ihrer ethnischen Identität gleichkam. Am Ende einer solchen Umerziehung sollten gebrochene und gleichgeschaltete Dienstmädchen- und Arbeiterklone stehen, die sich ohne Murren den Anforderungen der weißen Gesellschaft unterordneten.

Dieser Versuch mißlang jedoch im Falle von Molly Craig. Sie wuchs mit ihrer Schwester Daisy und ihrer Freundin Gracie im westaustralischen Jigalong auf, in dessen Nähe die Regierung einen Rabbit-Proof Fence, einen hasensicheren Zaun, errichten ließ, der das Farmland im Osten von der Hasenplage im Westen schützen sollte und sich von Norden nach Süden quer durch das ganze Land zog. Ihre Väter gehörten zu den Aufbautrupps und verschwanden im Nirgendwo, als die Arbeiten abgeschlossen waren.

1931 wurden die Drei von den Häschern Nevilles aufgegriffen und ins 2000 km entfernte River Moore House deportiert. Zwei Tage ertrugen sie die Zumutungen klerikaler Bigotterie und pädagogischen Wahnwitzes, nahmen Reißaus und kehrten zu Fuß durch Buschland und Steppe zurück nach Jigalong – immer entlang des Zaunes, dieses Werkes ihrer namenlosen Väter und der Fluchtlinie ihrer Herkunft. »Those other kids were taken, they were much younger. They didn't know mother«, erinnert sich die heute 85jährige Molly Craig, »but I was older. I knew mother. I wanted to go home to mother.«

Phillip Noyce, bislang vor allem in Erscheinung getreten durch hochbudgetierte Hollywood-Produktionen wie Patriot Games oder Clear and Present Danger, konzentriert sich in seiner filmischen Interpretation der Buchvorlage auf die Fluchtepisode und inszeniert sie als hypnotischen wie atemlosen Parforceritt durch ein topographisches und kulturelles Niemandsland. Die drei Mädchen bewegen sich mit der gefährdeten Sicherheit eines porösen inneren Kompasses durch die feindselige Weite der Landschaft, der ihre Position im Vakuum zwischen heimatloser Entwurzelung und somnambuler Ortskenntnis anzeigt.

Wie in den zahlreichen Arbeiten für Wong Kar-wai gelingt es Kameramann Christopher Doyle auch in Long Walk Home, in seinen Bildern, ihrem staubigen, phantasmagorierenden Flimmern und im unerbittlichen Cinemascope der endlosen Leere, Seelenräume zu öffnen, die dem existentiellen Entkommen der Mädchen immer auch ihre Suche nach der eigenen Identität einschreiben. Clear and Present Danger.

Der Soundtrack Peter Gabriels unterstützt diese Ästhetik von innerem und äußerem Schmerz, indem er in seinen Klangteppichen sphärische, synthetische Sounds mit authentischen Gesängen der Aboriginals und akustischem Found Footage mixt. Die qualvolle Reise von Molly, Daisy und Gracie weist auf diese Weise immer über ihr dramaturgisches Universum hinaus und erweitert sich zum Gedächtnisexkurs zu den verbliebenen Spuren eines reichen kulturellen Erbes und zur Anklage einer gigantischen humanitären Katastrophe – ein lyrisches Dokument der Erinnerung und des Zorns. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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