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Lone Star

USA 1996. R,B,S: John Sayles. K: Stuart Dryburgh. M: Mason Daring. D: Chris Cooper, Elizabeth Pena, Joe Morton, Miriam Colon, Clifton James, Kris Kristofferson, Ron Canada, Matthew McConaughey u.a.
127 Min. Concorde – Castle Rock / Turner ab 27.3.97
Von Daniel Hermsdorf Die Geschichte beginnt mit einem Toten. So ist John Sayles' Lone Star unter anderem eine Geschichte vom Mord und seiner Aufklärung. Die Wüstensonne an der Grenze von Texas und Mexiko hat die Knochen des Opfers seit Jahrzehnten gebleicht, und die Witterung hat an dem Sheriffstern genagt, der sich unweit der sterblichen Überreste findet.

Sheriff Sam Deeds (Chris Cooper), wie seine Umgebung von verblichener Hoffnung und gelähmter Ausgeglichenheit, muß sich erinnern, denn sein Vater war ebenfalls ein Sheriff. Und er muß andere zu Gedächtniskrämern und Erzählern werden lassen. Die Geschichten, die damals passierten, hat niemand wirklich vergessen. Sie haben sich nur ein wenig verändert.
Ein Denkmal setzt man Sheriff Buddy Deeds (Matthew McConaughey), und Sam muß seinen Vater feiern. Ein Held war er, so berichten alle, denn den größten Halunken hat er verjagt: Charlie Wade (Kris Kristofferson), noch ein Sheriff, ein Outlaw in Uniform, ein lange unbesiegter Sadist und heimlicher Herrscher der staubigen Stadt.

So werden Deeds' Tage mehr und mehr zu Reisen in die Vergangenheit, bemüht er sich, die Wahrheit hinter den Bildern seiner Ahnengalerie – der persönlichen wie auch die seiner Amtsvorgänger – zu erahnen, und Chris Cooper spielt ihn mit echsenhaftem Abwarten und ausgetrockneter Melancholie.

Auch den Zuschauer kann es mit jedem Kameraschwenk ohne Schnitt in die 50er Jahre verschlagen, und die immerwährende Gleichheit der Geschichten legt nahe, wie aktuell das Vergangene und wie alt die Gegenwart ist.
Die gerichtspathologische Examination der Gebeine gelingt Sayles als Kabinettstück von Überblendungen und Blicken auf Details – Lone Star vermißt den Vorgang der Erinnerung. An ihrem Anfang und ihrem Ende steht der Tod.

In seiner Erinnerung ist Sayles frei von Nostalgie, in seinen Schilderungen religiöser und rassistischer Schranken bedächtig wie bedacht. Und auch, wenn hier Großmütter mit dem Gameboy daddeln: Die Wüste bleibt ungerührt und vergißt nicht. Sie verschluckt nicht, sie bewahrt auf. Was man der Erinnerung anvertraut, kommt irgendwann zum Vorschein: ein Skelett vielleicht, die zerschlissene Leinwand eines Autokinos und ein kaputter Traum. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #05.
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