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Little Voice

GB/USA 1998. R,B: Mark Herman. K: Andy Collins. S: Michael Ellis. M: John Altman. D: Michael Caine, Brenda Blethyn, Ewan McGregor, Jane Horrocks, Jim Broadbent, Annette Badland u.a.
96 Min. Scotia ab 24.6.99
Von Oliver Baumgarten Richtig gut war sie noch nie darin, doch seit ihr Vater verstarb, betreibt sie gar keine Konversation mehr. Gänzlich von der Welt abgeschottet, ertönt ihr hinreißendes Organ überhaupt nur noch, wenn sie die stattliche Sammlung von Aufnahmen Amerikas größter Sängerinnen, die ihr Vater akribisch anhäufte, in bemerkenswerter Lautstärke durchhört und – mitsingt. Doch nicht nur das – Laura hat eine Perfektion in der Imitation von Stimmen der Garland und Bassey, der Holiday oder Dietrich entwickelt, um somit zumindest mit einem zu kommunizieren, mit ihrem Vater.

Mari findet das lächerlich. Die leicht abgehangene Zynikerin konsumiert neben starkem Alkohol auch gerne kräftige Männer und verspottet ihre Tochter als Little Voice. Erst als sie den kaputten Künstler-Agenten Ray Say nach Hause schleppt und der einen Stock höher Judy Garland zu vernehmen glaubt, ändert sie ihre Meinung. Sollte etwa der kleine Nichtsnutz den Weg zum großen Geld ebnen?

Eine der frechsten und dabei doch charmantesten Komödien seit längerem kommt erneut aus England. Nach Brassed Off widmet sich Mark Herman ein zweites Mal der Musikalität, die den Figuren aus der Not verhelfen möge. In der wunderbaren Tradition britischer Sozialstudien trifft er mit Little Voice in hoher Präzision den korrekten Ton zwischen Realismus und Karikatur und darf sich dafür in erster Linie bei seinem umwerfenden Schauspielerensemble bedanken.

Die unglaubliche Jane Horrocks singt nicht nur in höchst eigener Person alle Imitationen selbst, sondern legt ihre Figur derart hinreißend zart und fragil an, daß die Furcht beim Schauen stetig wächst, einer der folgenden beiden könnte sie aus Versehen mit ihrer Wucht zerquetschen. Vertrauensvoll an ihrer Seite stehen nämlich der göttliche Michael Caine als Ray Say, der es noch immer wie niemand sonst beherrscht, diese gierige Schmierigkeit mit seiner zum Fetisch gereiften Selbstironie zu verbinden, und natürlich Brenda »Ohne Gleichen« Blethyn als Mari. Mit ihrer bellenden Mütterlichkeit, die sich der ordinären Waschweiber-Inbrunst einer alkoholisierten Matrone bedient und bemüht ist, das hervorgerufene Mitleid lautstark zu ignorieren, gelingt ihr eine der größten Leinwandperformances der letzten Jahre. Was Vanessa Redgrave oder Maggie Smith als alternde Brit-Diven niemals umsetzen könnten, das vollbringt Brenda Blethyn seit Lügen und Geheimnisse kontinuierlich: eine ehrliche, ungekünstelte Figur, deren Transzendenz berührt. Ein Meisterwerk der Unterhaltung! 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #15.
© 2012, Schnitt Online

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