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Lilja 4-ever

S/DK 2002. R,B: Lukas Moodysson. K: Ulf Brantas. S: Michal Leszczylowski. M: Nathan Larson. P: Memfis Films. D: Oksana Akinshina, Artiom Bogucharskij, Elina Benenson, Lilija Schinkarjowa u.a.
109 Min. Arsenal ab 4.12.03

Die Kraft der Hoffnung

Von Thomas Waitz Das Ende liegt bereits im Anfang. Ein Mädchen, das stolpernd, fahrig tastend vorwärts rennt, immer wieder stehen bleibt, sich umschaut. In enger Kadrierung folgt ihr die Handkamera, der Blick zunächst aus einer Subjektiven auf das Pflaster des Fußwegs und die Straße gerichtet. Dann ändern sich die Bilder. Eine graue Kühle liegt über einem verhangenen Spätnachmittag. Ausfallstraßen vor Malmø, entgegenkommende Autos. Immer unübersichtlicher, immer hektischer werden die räumlich dissoziierenden Einstellungen, die sich überkreuzenden und verdoppelnden, zerstückelnden Bewegungsrichtungen der Montage. Am Ende dieser kurzen, den gesamten Film in außergewöhnlicher Weise verdichtenden Sequenz sehen wir dem Mädchen ins Gesicht. Müde, erschöpft, entsetzt blickt sie uns an, Lilja, die Protagonistin aus Lukas Moodyssons Film. Dann beginnt der Film.

Der Unterschied, der darin besteht, nicht nur Filme zu lieben, sondern das Kino, ist ja auch der, daß beim Kino mehr hinzukommt: die Stimmung des Tages, der eine, für immer verlorene Moment des Sehens, das eigene Leben, das für einen Augenblick nicht zu vergehen scheint, die Gedanken im Dunkeln. Darum ist es auch so schwer, über einen Film zu sprechen, zu schreiben, etwas zu leisten, das sich später liest, als sei da etwas klar, verständlich, als gäbe es eine Einstellung zu den Dingen, die doch eigentlich eine Einstellung einem selbst gegenüber sein müßte. Angesichts eines Films, der auf einmal in einer Weise berührt und ergreift, der so unfaßbar traurig und erschütternd ist, daß er kein Sprechen und Schreiben mehr zuzulassen scheint, wird sich das Eigentliche kaum ausdrücken lassen.

Moodysson erzählt mit ungeheurer Präzision und gleichzeitig mit größter Lakonie von einer Geschichte, die nicht an einen spezifischen Ort gebunden ist – »irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion«, heißt es zu Beginn in einem Insert. Lilja ist 16 – kein angenehmes Alter, vermutlich nirgendwo. Eine trostlose Siedlung in einem urbanen Niemandsland. Die Mutter läßt sie zurück auf dem Weg nach Amerika, in eine bessere Welt. Zum Leben bleibt nicht viel, das Sorgerecht hat längst die Behörde. Lilja braucht Geld, sie geht bei Männern mit auf immer karge Zimmer, und sie läßt sich für die anschließenden Vergewaltigungen bezahlen. Sie lernt Andrej kennen, einen jungen Russen, der, wie er sagt, in Schweden lebt und arbeitet. Ob Lilja nicht auch mitkommen wolle? Sie könne dort bei der Gemüseernte helfen. Daß es im Winter kein Gemüse zu ernten gibt, macht sie kaum stutzig. Zu groß ist die Hoffnung, an einen Ort zu gelangen, an dem es besser ist als dort, wo es schlimmer kaum zu denken scheint. Das wird sich in jeder Hinsicht als Täuschung herausstellen.

Es wird recht früh deutlich, worauf Moodyssons Film hinausläuft, welches Schicksal seiner Protagonistin bevorsteht. Das macht das Sehen für den Zuschauer allerdings umso erschwerender. In kaum zu übertreffender Härte und Ausweglosigkeit zeigt Lilja 4-ever eine Wirklichkeit, die keinerlei Trost mehr bietet. In einem berührenden Bild findet Moodysson hierfür einen Ausdruck: Lilja trägt ein Gemälde bei sich, das im Stile kitschiger Ikonenmalerei ein Mädchen zeigt, das von einem kleineren Engel auf einem schmalen Pfad geführt wird. Lilja wirft es fort. Der Film wird dieses Bild ikonographisch später aufgreifen – aber auch diese Transzendierung, jenseits einer Wirklichkeit, die selbst keine Möglichkeit mehr bietet zu kleinen Fluchten, geschweige denn zu einer Perspektive, einem Ausweg, ist unbeschreiblich bitter.

In einer Art filmischem Optativ, für den Bruchteil eines Augenblicks, der kein Augenblick mehr ist, wagt der Film zum Schluß ein Was-wäre-wenn, aber mit unerbittlicher Konsequenz zeigt er, daß auch das nicht zählt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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