— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Das Lied vom jungen Akkordeonspieler

Zhizneopisaniye molodogo akordeonista. KZ 1994. R,B: Satybaldy Narymbetov. B: Istol Ismaganbetova. K: Hasan Kidiraliev. S: Svetlana Hyarova. P: Kazachfilm Studio, Te Miras Filmstudio. D: Daulet Taniev, Petja Chaitovitch, Bachtshan Alpeissov, Rajchan Aitchojanova u.a.
90 Min. Neue Visionen ab 28.12.00
Von Lisa Schneider Das Leben als Theater. Welche Perspektive ist in dieser Hinsicht entlarvender als die eines Kindes, das der Welt unvoreingenommen begegnet?

Es ist ein bizarr anmutendes Konglomerat, in das der kleine Esken beobachtend hineinwächst: Sowjetischer Sozialismus, kondensiert in den wohl universellen Gesetzen der Dorfgemeinschaft. Und das menschliche Treiben könnte kaum exponierter sein, als in der kargen und ursprünglichen Landschaft Kasachstans. Tatsächlich gewinnt Esken in seiner Rolle als Voyeur nicht nur Einblick in ein verwirrendes gesellschaftliches Miteinander, er erscheint zugleich auch als Teilhaber an archaischen Geheimnissen der menschlichen Natur: Die kindliche Perspektive schärft den Blick für das Dasein überhaupt.

Das Lied vom jungen Akkordeonspieler spielt in zweifacher Hinsicht mit der Rolle des Zuschauers. Offenbart sich dem kleinen Esken das Leben wie auf einer Bühne, stellt sich dem Zuschauer in seiner überlegenen Distanz dieses Schauspiel um so mehr als Farce dar. Ein freiwilliges Affentheater, in dem sogar der Ernst irgendwie nicht ganz ernstzunehmen ist.

Esken erinnert in seiner Funktion als neugieriger Beobachter der Menschen unwillkürlich an den wütenden kleinen Matzerat, der mit seiner Blechtrommel lautstark die bürgerliche Gesellschaft erforscht. Doch der Blick, den Esken eröffnet, ist weniger anklagend, sondern beinhaltet eine mythische Komponente – ohne jedoch das Gefühl der Fragwürdigkeit der menschlichen Existenz auslöschen zu wollen. So bleibt bis zum Schluß unbeantwortet: Ist das Leben nun eine tragische Komödie oder eine komödiantische Tragödie? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #21.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap