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Der Liebeswunsch

D 2005. R: Torsten C. Fischer. B: Wolfgang Kirchner. K: Theo Bierkens. S: Hansjörg Weißbrich. M: Annette Focks. P: Allmedia. D: Tobias Moretti, Ulrich Thomsen, Barbara Auer, Jessica Schwarz u.a.
115 Min. NFP ab 19.4.07

Wer liebt, fällt tief

Von Maike Schmidt Die Liebe ist eine starke Kraft. Der Wunsch nach Liebe eine ebensolche, eine unbändige, unkontrollierbare, Zerstörung bringende. Dieter Wellershoff hat in seinem Buch davon erzählt, dunkel, dicht und gründlich; Thorsten C. Fischer erzählt nun in seinem Film davon, distanziert, vorsichtig, kalt. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es, nur weiß jeder, daß hier auch die größten Opfer zu verzeichnen sind, daß hier die Unschuld aufhört und Moral und Gewissen beginnen, ihre Schlingen um die Hälse ihrer Besitzer zu ziehen.

Die treibende Kraft in diesem Spiel ist Anja, eine junge Frau und Verkörperung der anderen Seite der Liebe, egozentrisch und kompromißlos. Jessica Schwarz spielt Anja, entfremdet, beziehunglos. Dem fiebrigen Untergang einer jungen Frau wird hier gehuldigt, und das ist düster und unheilvoll. Wo Liebe doch oft so verlockend und durchdringend sein kann, wird sie hier nur in ihren dunklen Bahnen gezeigt. Es geht um das, was Liebe auch sein kann, schmerzvoll, konzentriert und selbstsüchtig. Wie Wünsche zur unerträglichen Last werden, wenn sie nicht erfüllbar sind, so potenziert sich dies, wenn der Wunsch ein Wunsch nach Liebe ist. Der Film zeigt dies auf eine merkwürdig distanzierte Art. Es scheint, als hätten sich alle, Schauspieler wie Regisseur, ob des gefühlsgeladenen Themas in eine Reserviertheit zurückgezogen, die ein Ausbrechen nicht erlaubt. Einziger Brennpunkt bleibt Marlene resp. Barbara Auer. Ihre Intensität steht allein und ist damit atemberaubend. Und doch bleibt man bis zum (unvermeidlichen) Ende und sieht der unheilbringenden Spirale zu. Wie der Film den Sog einer unerfüllten Liebe zum Thema macht, so schafft es Fischer auf seine distanzierte Filmweise, einen Sog entstehen zu lassen, dem man sich anheimstellen muß. Es sind die erstarrten Bewegungen der Mimen in den Bildern, die zurückhaltenden Farben, das spärliche Spiel, die Monotonie der Musik und die Kraft der Langsamkeit, die präzise auf dieses Ergebnis zusteuern. Nur in dieser Stimmigkeit kann den Bedingungen des Films gefolgt werden. Daß der Film so dem sentimental geneigten Zuschauer keinen Gefallen tut, ist augenscheinlich, auch will Fischer aus Anja keinen Werther machen.

Daß dies dann einer letztlich in Gänze glückenden Bindung des Zuschauers an den Film und seine Figuren im Wege steht, soll am Schluß erwähnt bleiben; die Inszenierung setzt auf Abstand und macht sie zum Prinzip. Dies wird aber so konsequent durchgezogen, daß man zuguterletzt gerne am Rande stehenbleibt und Anja fallen sieht. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
© 2012, Schnitt Online

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