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Die Liebenden des Polarkreises

Os amantes do círculo polar. E 1998. R,B: Julio Medem. K: Gonzalo F. Berridi. S: Ivan Aledo. M: Alberto Iglesias. D: Najwa Nimri, Fele Martinez, Nancho Novo u.a.
112 Min. ab 26.10.00

Lebenszyklus und Schicksalskreis

Von Tamar Noort Es ist kein wirklich neuer oder sonderlich origineller Vergleich, der Besuch eines Waschsalons mit einem Kinoerlebnis. Und doch eignet er sich hervorragend zur Beschreibung von Julio Medems neuen Film. Denn im Waschsalon gibt es Plastikgartenstühle, die so ausgerichtet sind, daß man die sich stetig drehende Wäsche in der Trommel betrachten kann. Und auch bei Die Liebenden des Polarkreises von Julio Medem dreht sich alles im Kreis. Nur taumeln da nicht bunte Wäschestücke der Sauberkeit entgegen, sondern es wird eine Geschichte erzählt vom Leben als kreisförmige Verzahnung von Ereignissen.

Der Anfang ist das Ende, das Ende ist der Anfang. Die Kreisbewegung des Films versinnbildlicht Medems Grundaussage: Menschen sind gefangen im Zyklus des Lebens, ihr Schicksal ist unaufhaltbar. Gezeigt wird dies anhand der Geschichte Ottos und Anas, die sich als Kinder kennenlernen, als Heranwachsende verlieben, als Erwachsene verlieren und den Rest ihres Lebens mit der Suche nach einander verbringen. Die ständig umeinanderkreisenden Lebenswege Ottos und Anas müssen sich zwangsläufig am Ende noch einmal kreuzen: am Polarkreis, wo die Sonne, stellvertretend für den immer wiederkehrenden Zyklus, an eben diesem Tag nicht untergeht.

Das Medium Film ist auf dieses pars-pro-toto-Prinzip angewiesen; anhand der Geschichten Einzelner werden allgemeine Aussagen gemacht. Medem aber kümmert sich dabei so sehr um Details, daß der nätürliche Erzählfluß der Geschichte darunter leidet. So erzählt er den Film in Episoden, die die gleichen Geschehnisse einmal aus Anas, und einmal aus Ottos Perspektive zeigen. Er nutzt jedoch die Möglichkeiten, die diese Vorgehensweise bietet, nicht vollends aus; diese unterschiedlichen Sichtweisen tragen kaum zu einer weiterführenden Charakterisierung der Figuren bei. Die sich zum Teil sehr gleichenden Handlungsabläufe und Gedankenstränge ermüden eher und kommen zu einer Überdeutlichkeit, die der Film nicht nötig hat.

Man kann Medem nicht vorwerfen, daß er sich viel Mühe gibt, uns seine Figuren verständlich zu machen. Aber leider bedeutet das auch, daß seine Geschichte reichlich konstruiert wirkt, sodaß es dem Zuschauer kaum noch gelingt, sich emotional zu engagieren. Und dann ist der Weg in den Kitsch nicht mehr weit, wenn sich Otto buchstäblich und bedeutungsschwanger in Anas Augen spiegelt. Es sind trotzalledem kraftvolle Bilder, die uns durch den Film geleiten; ein weißer, einsamer Stuhl am Strand im Morgenlicht, oder eine auf herbstlichem Boden hindrapierte achtjährige Ana wirken definitiv über den Film hinaus. Leider bleibt sonst nicht viel hängen. Was übrig bleibt, ist zwar unterhaltsamer und ästhetischer als die sich vor mir drehende Wäschetrommel, aber nicht unbedingt bedeutungsvoller. 1970-01-01 01:00
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