— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Liebe lieber indisch

Bride & Prejudice. GB/USA 2004. R,B: Gurinder Chadha. B: Paul Mayeda Berges. K: Santosh Sivan. S: Justin Krish. M: Anu Malik, Craig Pruess. P: Bride Productions, Kintop Pictures u.a. D: Aishwarya Rai, Martin Henderson, Nadira Babbar u.a.
111 Min. Universum ab 18.8.05

Stolze Vorurteile

Von Frank Brenner Gurinder Chadha hat mit ihrem liebenswerten Kick It Like Beckham 2002 einen beachtlichen internationalen Hit abgedreht. Entgegen der üblichen Prognosen avancierten die Erlebnisse eines indischen Mädchens in Großbritannien, die sich für Fußball begeistert, zu einem Erfolg auch jenseits des überschaubaren Arthaus-Publikums. Die Ewartungshaltungen an ihren nächsten Film hätten also kaum höher sein können. Ihre Idee, Jane Austens Klassiker »Stolz und Vorurteil« frei zu adaptieren und mit Elementen des Bollywoodmusicals zu mischen, haben diese sicherlich nicht schrumpfen lassen. Und doch wage ich zu bezweifeln, daß man Liebe lieber indisch wohlwollender aufgenommen hätte, wenn man Chadhas bisheriges Œuvre völlig außer Acht gelassen hätte.

Familie Bakshi hat vier unverheiratete Töchter, von denen zu allem Überfluß auch noch zwei bereits im heiratsfähigen Alter sind. Ein aus Amerika angereister Inder freit um das älteste der vier Mädchen. In seiner Begleitung befindet sich ein amerikanischer Millionenerbe, der ein Auge auf Lalitha, die Zweitälteste, geworfen hat. Doch Lalitha findet Darcy arrogant und verliebt sich in Johnny, einen gemeinsamen britischen Freund der beiden Kumpels auf Freiersfüßen, der ebenfalls gerade zufällig in Indien weilt. Nach einigem Hin und Her zwischen Amritsar, London und Los Angeles werden am Ende natürlich die entscheidenden Töpfe mit den richtigen Deckeln versehen.

Gurinder Chadha schwebte offensichtlich vor, Bollywoodkino noch mainstreamtauglicher und international publikumswirksamer zu machen, als es mittlerweile ohnehin schon ist. Deswegen stützte sie sich für die zentralen Handlungselemente auf einen westlichen Romanklassiker. Aber ähnlich der sehr freien amerikanischen Shakespeare-Adaptionen im Highschoolmilieu (O, Zehn Dinge, die ich an ihr hasse) ist auch hier vom Original nicht mehr viel zu erkennen. Das wäre noch nicht einmal so schlimm, würde die Regisseurin nicht den fatalen Fehler begehen, ihre indischen Landsleute, deren Traditionen und Sitten, in keiner einzigen Szene ernst zu nehmen. Farbenprächtige und aufwändig choreographierte Tanzszenen sind eine Sache, aber vollkommen überzeichnete, nervtötende und penetrant unkomische indische Nebenfiguren eine andere. Außer dem wortkargen und sehr zurückgenommen agierenden Anupam Kher als Vater (mit über 200 Filmen in den letzten 20 Jahren einer der Veteranen des Bollywoodfilms) kann man keinen der indischen Erwachsenen in auch nur einer Szene ernst nehmen.

Damit das internationale Publikum auch versteht, um was es geht, hat man nur die erste Songeinlage in Hindi belassen und untertitelt. Alle nachfolgenden Lieder werden dann auf Englisch geträllert, was die Glaubwürdigkeit der ohnehin schon von der Realität losgelösten Szenen gänzlich zerstört. Wer in einem der protzigen Fünf-Sterne-Hotels in Indien Urlaub macht, kann dies tun, ohne einen blassen Schimmer vom wahren Indien zu erhalten, heißt es einmal in diesem Film. Wer nur Liebe lieber indisch gesehen hat, hat jedenfalls keinen blassen Schimmer vom indischen Kino. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap