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Fette Welt

D 1998. R,B: Jan Schütte. B: Klaus Richter. K: Thomas Plenert. S: Renate Merck. M: Laurent Petitgand. D: Jürgen Vogel, Julia Filimonov, Stefan Dietrich, Sibylle Canonica u.a.
89 Min. PolyGram ab 28.1.99

Liebe Deine Nächste!

D 1998. R,B: Detlev Buck. B: Jens-Frederick Otto. K: Joachim Berc. S: Peter Adam. M: Stefan Fischer. D: Moritz Bleibtreu, Lea Mornar, Heike Makatsch, Heribert Sasse, Sophie Rois u.a.
90 Min. Delphi ab 24.12.98

Zwei deutsche Filme

Von Thilo Wydra Ein neuer Trend sollte natürlich nicht gleich ausgerufen werden, wenn sich zwei deutsche Filme in die sozialen Niederungen des irdischen Daseins begeben. Doch irgendwie fällt es zumindest auf, daß sich zunächst Detlev Buck der Heilsarmee und ihrem altruistischen Dienst an der Menschheit widmet, und hernach Jan Schütte die Tristesse deutscher Clochards beleuchtet.

Buck drehte in Berlin, Schütte in München. Bei Buck kommen sie aus dem Himmel herabgestiegen, Soldatinnen Gottes mit dem Wahlspruch »Suppe, Seife, Seelenheil – Halleluja!«, bei Schütte kriechen sie aus ihren zerrissenen Decken, aus zusammengeschusterten Wohnlöchern, aus der Hölle auf Erden. Für Josefine (Lea Mornar) und Isolde (Heike Makatsch) ist es Pflicht- und Selbsterfüllung, im Obdachlosenasyl die Suppe zu köcheln und Liedchen zu singen, für den heimatlosen Herumtreiber Hagen Trinker (Jürgen Vogel) hat das Leben längst alle Erfüllungen und Verheißungen verspielt.

In beiden Filmen, die letztendlich nur ein und dieselbe Welt aus zwei Blickwinkeln einfangen, spielt Amor den Protagonisten einen Streich: Die resolute Josefine, von Kopf bis Fuß in strenge Montur gezwängt, verliebt sich unfreiwillig und widerstrebend in Tristan (Moritz Bleibtreu), und Hagen Trinker – »ich heiße wirklich so« – verliebt sich in die erst 15jährige Judith (Julia Filimonov), die von zuhause ausgerissen ist.

Zwei Fremde, zwei verlorene Seelen, die am Isarufer entlangtreiben, sich voneinander wegstoßen, um hernach übereinander herzufallen. Irgendwann wird Judith zurückgebracht, zu den Eltern nach Berlin, als sie sich mit Hagen im Schlafwagenabteil eines Zuges einquartiert, freilich ohne Ticket. Und Hagen landet erneut auf der Münchner Polizeiwache bei Kommissar Schandorf, seinem Ersatzvater. Einmal, ganz kurz nur, da sehen sie sich wieder, es mögen Minuten nur sein, in denen sie sich anschauen und einige wenige Sätze miteinander wechseln. Hier endet Hagens Glück.

Josefine und Tristan sind da anders: Sie lehnt ihn grundsätzlich ab, er ist einfach nur darauf aus, sie zu vernaschen. Sie verfällt ihm mehr und mehr, und er verliebt sich in sie, dabei war das gar nicht geplant. Im feinen Berliner Luxushotel lieben sie sich, nicht unter der Isarbrücke im klamm-kalten Oktober, und ihre Wege kreuzen sich fortan immer wieder.

Liebe Deine Nächste! von Detlev Buck und Fette Welt von Jan Schütte sind natürlich zwei sozialkritische Filme, behandeln natürlich zwei Themen, die im gesellschaftlichen (filmischen) Off liegen, denen man sich eher ungern aussetzt. Art und Weise der Inszenierung differieren freilich sehr, und obzwar man besser nicht vergleichen sollte, tut man's schließlich doch: Es ist sowohl Bucks als auch Schüttes vierter Spielfilm, reiner Zufall, und daß Schüttes Fette Welt letztlich berührender, authentischer, glaubwürdiger anmutet, hat mehrere Gründe. Es ist gar nicht mal die Darstellung von Jürgen Vogel, die hier sonderlich beeindruckt, sondern vielmehr das Drumherum, das sogenannte Milieu, das Menschelnde, das Zwischenmenschliche, die soziale Makroaufnahme.

Schütte skizziert nicht oberflächlich dahin, sondern er geht einen Schritt weiter, kommt den Clochards recht nahe, etwa dem melancholischen Edgar, der in Liane unglücklich verliebt ist, zumal diese sich das lebensnotwendige Geld bei Freiern mit ihrem Körper erkauft. An Liane zerbricht Edgars Herz, das doch nur ihr gehört, zu hart, zu verletzend ist diese Frau, die doch auch nur überleben will/muß. In diesen Details ist Schüttes Film stark, das mag nicht zuletzt am Drehbuch liegen, welches Schütte zusammen mit Klaus Richter schrieb, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Helmut Krausser.

Die Dramaturgie des Buck-Films hingegen ist sonderbar unausgegoren, manchmal hat man den Eindruck, daß die Drehbuchautoren Buck und Jens-Frederick Otto nicht so recht wußten, wie sie die Handlungsfäden nun zusammenstricken sollten. Das Personal von Liebe Deine Nächste! läßt merklich unberührt, die Liebesgeschichte ist ohnehin an des Teufels goldenen Haaren herbeigezogen. »Rechtzeitig zum Fest der Liebe« heißt es da auf den Werbematerialien, die Produzent Claus Boje in Form von Berliner Straßenmagazinen (»motz«) ans Kinovolk und die Kritikerschar bringt, aber nicht nur am 24. Dezember haben wir alle eine bessere Bescherung verdient – vielleicht ein kleines Portiönchen wahrhaftiger Liebe, wie jene zwischen Hagen und Judith…?! 1970-01-01 01:00

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