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L.I.E. – Long Island Expressway

L.I.E. USA 2001. R,B: Michael Cuesta. B: Steve Ryder. K: Romeo Tirone. S: Eric Carlson. M: Pierre Földes, Kane Platt. P: Alter Ego/Belladonna. D: Paul Franklin Dano, Brian Cox, Billy Kay, Bruce Altman, Walter Masterson u.a.
97 Min. Movienet ab 12.6.03.

Poesie der Naßrasur

Von Frank Brenner Howard Blitzer macht gerade die wohl schlimmste Phase seines Lebens durch. Er steckt mitten in der Pubertät, seine Mutter ist gerade bei einem Autounfall ums Leben gekommen, sein Vater hingegen vergnügt sich viel lieber mit seiner neuen Freundin als seinem Sohn eine Stütze zu sein. Howies bester und einziger Freund Gary hingegen ist ein streunender Tagedieb, der dem zumindest ohne materielle Not aufgewachsenen Jungen nun auch Abenteuer und Abwechslung bieten kann. Gemeinsam brechen sie nämlich in eine Villa ein und stehlen zwei wertvolle russische Pistolen. Howie weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, daß Gary den Geschädigten auf dem schwulen Straßenstrich kennengelernt hatte, denn dort verdient Gary seinen Lebensunterhalt.

Diese Ausgangskonstellation, die in vielen Punkten die Story von jungen Außenseitern einmal mehr variiert und auch die Figur des tragischen alternden Homosexuellen erneut bedient, täuscht darüber hinweg, um was für ein Gedicht von Film es sich bei Long Island Expressway handelt. Die Poesie seiner Bilder und seiner Sprache läßt schon mitunter den Wunsch aufkommen, das gerade Gesehene und Gehörte sofort noch einmal zu erleben – wie bei einem guten Gedicht, das man immer wieder aufs Neue lesen kann.

Eine der poetischsten Szenen des Films benutzt eine Symbolik, die normalerweise vollkommen andere Assoziationen weckt als hier. Nachdem Howie von all seinen Bezugspersonen im Stich gelassen wurde, verbringt er eine Nacht im Haus des von Brian Cox gespielten alternden Schwulen Big John (seine Initialen auf dem Nummernschild erinnern nicht von ungefähr auch an die Abkürzung für Blow Job), der sich jedoch sexuell wider Erwarten vollkommen zurückhält. Stattdessen hilft er dem Teenager bei dessen erster Naßrasur.

Cox, der aufgrund seiner bulligen und verhärmten Erscheinung schon Hannibal Lecter verkörpern durfte (in Roter Drache von 1986) und auch in X-Men 2 gerade eine weitere dämonische Rolle übernahm, verströmt mit der Rasierklinge an der Kehle Howies zunächst eine nicht nur unterschwellige Bedrohung. Doch durch das Ausblenden des Originaltons, den Einsatz eines Streicherquartetts und das Wechselspiel aus Kamera, Licht und Schnitt entsteht hier genau das Gegenteil – eine äußerst zärtliche Szene, die von Michael Cuesta auf erstklassige Weise komponiert ist.

Genauso überzeugend ist eine anschließende musikalische Einlage von Brian Cox, in welcher der Darsteller sein Talent erneut eindrucksvoll unter Beweis stellen kann, indem er ohne instrumentale Begleitung »Danny Boy« interpretiert und somit die Zerbrechlichkeit seiner Figur zur Schau stellt. 1970-01-01 01:00
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