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Lichter der Vorstadt

Laitakaupungin valot. Fin 2006. R,B,S: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. M: Melrose. P: Sputnik Oy. D: Janne Hyytiäinen, Maria Heiskanen, Maria Järvenhelmi, Ilkka Koivula u.a.
77 Min. Verleih ab 21.12.06

Reflektoren vor der Stadt

Von Eleonóra Szemerey Aki Kaurismäkis Kino war nie eines der großen Gesten. Weder für die Vermittlung menschlicher Grausamkeit, schicksalhafter Schläge oder existentieller Notlagen noch für das Andeuten aufkeimender Hoffnung hat es der eigenwillige Finne je für nötig erachtet, die Gesichtsmuskulatur seiner Darsteller oder gar das Arbeitsgerät seines langjährigen Kameramannes in Bewegung zu versetzen. Und trotzdem verließ sein Publikum nach der nahezu knirschend trockenen, gnadenlos nüchternen Vorführung allumfassender Aussichtslosigkeit regelmäßig bewegt den Saal. Bewegt. Nicht zum Mitleiden. Zum Mitdenken.

Auch in Lichter der Vorstadt, dem letzten Teil seiner sogenannten »Trilogie der Verlierer«, gibt sich Kaurismäki gewohnt wortkarg und visuell unterkühlt, läßt seinen Hauptcharakter äußerlich reglos durch die leeren Räume einer an menschlicher Wärme baren Welt wandern, sich an Ecken und Kanten stoßen und aus der Welt stürzen, auf der das Monster namens Gesellschaft regiert. Im Gegensatz zu den Geprügelten aus Wolken ziehen vorüber und Der Mann ohne Vergangenheit bekommt Koistinen nicht einmal mehr einen Hund an die Seite.

Der treue Kinogänger erkennt es sofort wieder, das kaurismäkische Universum zwischen den Zeiten. In gewohnt klaren, nüchternen Kompositionen zeichnet der Autor mit einem Minimum an Farben – so grau wie möglich, so vielsagend wie nötig – ein Mikrokosmos der Außenseiter. Gemalt hat er in seinem letzten Film. In Lichter der Vorstadt entwirft er unwirkliche Nischen auf der Grenze zwischen schwarzer Nacht und grauem Tag, in der Schwebe zwischen blauer Realität und roter Utopie, auf dem sozialen Niemandsland zwischen hochpolierter Shopping Mall und verstaubter Würstchenbude.

In der Welt, in der Koistinen umhergeht, gibt es keine Gnade. Denn es gibt Menschen in ihr. Andere Menschen. Koistinen ist keiner von ihnen. Selbst für einen Kaurismäki-Hauptcharakter ist seine Figur schwer zu akzeptieren. Im Gegensatz zu Ilona und Lauri hat er Arbeit, anders als der Mann ohne Vergangenheit besitzt er eine Wohnung, was ihm aber fehlt, sind soziale Kontakte, ist menschliche Wärme. Pläne für die Zukunft hat er auch, Pläne, die so unrealistisch sind, daß man von Anfang an weiß, er wird an ihnen scheitern. Und doch scheitert er vorher noch an Mirja, der roten Femme fatale, die in sein blaugraues Leben tritt, um es in einen Film noir zu verwandeln, um ihn auszubeuten und den Wachmann ganz klassisch als Juwelendieb in die Arme der Polizei zu liefern. Über ihre Intentionen weiß der Zuschauer von Anfang an, weiß Koistinen schon sehr bald Bescheid. Und unternimmt nichts. Der schon zuvor passive junge Mann verfällt nach der bitteren Erkenntnis, daß er auch von dieser Frau, seiner letzten Hoffnung auf Liebe, nicht mehr als einen kräftigen Tritt zu erwarten hat, in völlige Bewegungslosigkeit. Wie Michel Poiccard in Außer Atem flieht Koistinen nicht vor der Polizei und läßt sich sogar bewußt unschuldig verurteilen. Nicht um sich für seine Angebetete zu opfern, sondern weil sein ohnehin leeres Leben ohne ihre Liebe gar nichts mehr wert ist.

Daß Koistinen sich so bedingungslos aufgibt, macht es sehr schwer, seine Figur anzunehmen. Er ist zu jung, er sieht zu gut aus. Anders als bei früheren Charakteren der Trilogie mag man einfach nicht akzeptieren, daß ihm das Leben keine Chance mehr lassen soll. Doch begreift man – wenn auch mit Widerwillen – seine Motivation, oder besser den Grund, warum jegliche Motivation aus seinem Leben verschwindet, akzeptiert man sein Handeln bzw. Nichthandeln als konsequent, dann erwartet man auch von seinem Erschaffer eine entsprechende Konsequenz. Anstatt ihm aber ein würdiges finales »Das Leben kotzt mich an« als Variation des letzten Satzes von Poiccard zuzugestehen, läßt Kaurismäki seinen Protagonisten wiederholt, nun mit einem Tupfer Rot ausgestattet, aufstehen und einmal mehr fallen, um ihm an jener Stelle der Geschichte, die wohl der absolute Tiefpunkt wäre, wenn sein Leben nicht schon längst Sinn und Wert verloren hätte, einen Engel zu schicken.

So beendet er die Qualen seines »Verlierers« mit der wohl plakativsten Einstellung seiner Laufbahn. Folgte die Kamera den letzten Blicken des Paares in Wolken ziehen vorüber noch nicht und schaffte es der Film trotzdem bzw. gerade deshalb, den Hoffnungsschimmer am Ende eines langen Kampfes aufglimmen und dennoch einen Schimmer bleiben zu lassen, so richten sich hier scheinbar alle Lichter der Vorstadt auf Koistinen und seine neue Chance. Das letzte Bild wird mit geradezu himmlischem Schein ausgeleuchtet, als überkäme Kaurismäki zum Schluß plötzlich die Angst, seine Zuschauer hätten jegliche Sensibilität verloren. Dabei hätte Koistinens abschließender Satz in seinem ambivalenten Optimismus vollkommen ausgereicht.

Doch da ist sie nun, die große Geste. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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