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Der letzte Zug

D 2006. R: Joseph Vilsmaier, Dana Vávrová. B: Stephen Glantz. K: Helmfried Kober, Joseph Vilsmaier. S: Uli Schön. M: Chris Heyne. P: CCC Filmkunst. D: Gedeon Burkhard, Lale Yavas, Lena Beyerling, Juraj Kukura, Sibel Kekilli u.a.
123 Min. Concorde ab 9.11.06

Annäherung an das Unaussprechliche

Von Patrick Hilpisch Ein Film über den Holocaust kann immer nur eine wage Annäherung an das eigentlich Unaussprechliche sein. Er kann die unvergleichliche Menschenverachtung des NS-Regimes, den totalitären Schrecken und das unbeschreibliche Leid der Opfer nur erahnen lassen. Dennoch vermögen es filmische Aufarbeitungen des Themas immer wieder, aufzurütteln und zu sensibilisieren. Sie verankern Bilder im kollektiven Bewußtsein, die durch ihre ikonographische Kraft und ihr emotionalisierendes Potential eindeutige Positionierung »einfordern« und auf diese Weise dauerhaften Bestand haben können.

Mit Der letzte Zug haben Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová ein weiteres filmisches Monument geschaffen, das die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte wachhalten wird: Die Vision einer »judenreinen« Hauptstadt vor Augen, wird im Kriegsjahr 1943 die Deportation der letzten jüdischen Einwohner Berlins veranlaßt. Die Gestapo dringt nachts in Wohnungen jüdischer Familien ein und treibt diese zusammen. Am nächsten Tag rollt vom Gleis 17 des Bahnhof Grunewald ein Zug mit 688 in Viehwaggons eingepferchten Männern, Frauen und Kindern in Richtung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Sechs Tage wird die Fahrt ins Verderben dauern und bereits vor der Ankunft im Lager einige Todesopfer fordern. Die Enge, die Hitze, den Dreck und die angespannte Atmosphäre im Waggon macht der Film durch die ungeschönte Unmittelbarkeit der präzise eingesetzten Handkamera nahezu greifbar. Der Kampf um die mageren Wasserreserven (ein Eimer für 100 Personen); die Konfrontation mit menschenverachtenden Soldaten; verzweifelte und verängstigte Existenzen, die ihr Heil in der Religion oder einer fernen und glücklichen Vergangenheit suchen – dies alles wird durch die ungeschminkte Inszenierung hautnah erlebbar.

Obwohl der Film in punkto Charakterzeichnung und Plotentwicklung durchaus auf Stereotypen zurückgreift, entwirft er ein präzises Bild von Menschen in einer unverschuldeten Extremsituation und der Unmenschlichkeit der Nazi-Ideologie. Chronologisch werden die Entbehrungen und Qualen der »Insassen« eines der Zugwaggons vorgeführt. Der Fokus liegt dabei auf vier Familien-/Beziehungsgeflechten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Zusammensetzung, an denen das Ausmaß körperlicher und seelischer Zerrüttung exemplarisch vorgeführt wird. Hier ein ehemaliger Alleinunterhalter, der zunächst sein Heil in unterhaltsamer Verdrängung sucht, und dort ein desillusionierter Arzt, der den Freitod wählt. Dazwischen zwei Pärchen, die die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht nicht aufgeben wollen.

Durch die Fokussierung auf Einzelschicksale verdichten Vilsmaier/Vávrová ihre Holocaust-Aufarbeitung auf ein hochemotionalisierendes filmisches Konzentrat, das dem Zuschauer an manchen Stellen viel abverlangt, aber auf diese Weise jedoch bedeutend an Nachhaltigkeit gewinnt. Dennoch sind es eher die vermeintlich »leiseren Bilder«, die sich auf subtile Weise ins Gedächtnis brennen. Wenn etwa der immer wiederkehrende Blick aus den vergitterten, von Händen umklammerten Waggonfenstern frei wird auf eine ihre Augen abwendende Nonne oder einen frei herumlaufenden Hund. In solchen hochaufgeladenen Szenen offenbart sich das wahre Potential einer filmischen Auseinandersetzung mit solch einem unaussprechlichen und prekären Thema. 1970-01-01 01:00
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