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Der letzte König von Schottland – In den Fängen der Macht

The Last King of Scotland. GB 2006. R: Kevin Macdonald. B: Peter Morgan, Jeremy Brock. K: Anthony Dod Mantle. S: Justine Wright. M: Alex Heffes. P: DNA Films, Fox Searchlight Pictures u.a. D: Forest Whitaker, James McAvoy, Kerry Washington, Gillian Anderson, Simon McBurney u.a.
123 Min. Fox ab 15.3.07

Ach, Afrika

Von Dietrich Brüggemann Es ist ein Kreuz mit der Dritten Welt. Verzeihung, »Dritte Welt«, das darf man gar nicht mehr so nennen? Sehen Sie, da geht es schon los. In Afrika hat der weiße Mann sich jahrhundertelang so gründlich danebenbenommen, daß er jetzt gefälligst den Mund halten und sich vom Acker machen sollte. Vom Acker machen? Oh nein, das Chaos, das man angerichtet hat, kann man nicht einfach so liegen lassen, da muß man was tun. Was tun? Helfen? Entwicklungshilfe? Nee, auch falsch, zerstört im Zweifelsfall immer die einheimische Industrie und gewachsene Handwerksstrukturen. Man kann nichts machen, aber auch das macht man falsch.

Schon gar nicht darf man Filme machen, die aus der Perspektive von Weißen irgendwas erzählen, was in Afrika spielt, denn das ist sowieso aus Prinzip schon falsch. Meistens werden das dann ja auch so Gutmenschen-Schmonzetten, in denen Nelson Mandelas Gefängniswärter von seinem prominenten Häftling lernt, was Menschlichkeit bedeutet, und alle vor Betroffenheit heulen. Der Film, um den es hier geht, wird gelegentlich mit einer ganzen Reihe von anderen Afrika-Abenteuer-Filmen in einen Topf geworfen, dabei ist er ganz zum Glück etwas grundlegend anderes.

The Last King of Scotland handelt von dem Diktator Idi Amin, der in den 1970er Jahren in Uganda herrschte. Über Idi Amin und Forrest Whitaker, der ihn im Film mit Wucht verkörpert, ist viel geschrieben worden. Whitaker ist in der Tat grandios und beherrscht den Film, aber eigentlich spielt er eine Nebenrolle. Denn es geht vor allem um einen neugierigen Jungen aus Schottland, der nach dem Mediziner-Examen einfach blind den Finger auf den Globus legt und in das erstbeste Land fährt, auf dem sein Finger landet. Er kommt nach Uganda, landet in einer Krankenstation, bandelt erst mit einer schwarzen und dann mit einer weißen Frau an und begegnet per Zufall Idi Amin, als dieser mit seinem Luxusauto eine Kuh angefahren hat. Er gerät in seinen Dunstkreis, erliegt seinem rustikalen Charme und ist auf einmal der engste Vertraute des »Schlächters von Uganda«.

Und diese Figur, wunderbar uneitel gespielt von einem jungen schottischen Schauspieler namens James McAvoy, geht mit uns durch eine Geschichte voller Widersprüche und Mehrdeutigkeiten, in der Gut und Böse nicht so klar verteilt sind, in der man meint, etwas Gutes zu tun, und hinterher feststellen muß, daß es möglicherweise sehr böse war. Das ist eben kein pädagogisch-politisch korrektes Betroffenheitskino, sondern ein intelligenter Film für Erwachsene, die selber denken können. Wir werden zur Identifikation mit einem netten, naiven Kerl gedrängt und müssen dann mit ihm auf eine Reise, an deren Ende alles etwas anders ist, als man dachte, was dazu führt, daß man seinen eigenen Standpunkt hinterfragt. Unser Held gerät in Schwierigkeiten, weil er sich eben nicht auf den zynischen Beobachterposten zurückzieht, den die anderen im Land verbliebenen Engländer einnehmen, sondern weil er den Menschen um sich herum auf Augenhöhe begegnet, aber zu diversen Vergnügungen und Verlockungen auch nicht nein sagt. Ist er dabei selber schon ein unmoralischer Kolonialist? Kann sein. Es gibt keine klaren Antworten. Es gibt nur eine packende und am Ende schockierende Geschichte, die mit einer Realitätsnähe und einer Wucht inszeniert ist, wie man sie im Kino nur selten sieht. Ein vergangenes Jahrzehnt und ein ganzes Typenarsenal wird mit unglaublicher Detailtreue zum Leben erweckt, der ganze Film springt einem so ins Gesicht, daß die Jahresproduktion des politisch engagierten Hollywood dagegen blaß und lahm aussieht.

Die meisten Filme bestehen ja aus einer streng geregelten Abfolge von Klischees, an die man sich so gewöhnt hat, daß man sie für normal hält. Deswegen kriegt man von guten Dokumentarfilmen oft so eine Art Realitätsschock. Hier ist es ähnlich. Der Regisseur Kevin MacDonald, der hier sein Spielfilmdebüt gibt, war zuvor als Dokumentarfilmer ziemlich erfolgreich. Und hat als Debüt gleich mal einen Spielfilm gemacht, der seinesgleichen sucht. Hut ab. 1970-01-01 01:00

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