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Das letzte Kino der Welt

El viento se llevó lo que. RA/ESP/FRAU/NL 1999. R,B: Alejandro Agresti. K: Mauricio Rubinstein. S: Alejandro Brodershon. M: Paul Michael Van Brugge. P: DMVB Films. D: Vera Fogwill, Fabián Vena, Angela Molina, Jean Rochefort, Ulises Dumont u.a.
83 Min. flaxfilm ab 16.5.02

Keine Komödie

Von Sascha Seiler »Dies ist keine Komödie«, erklärt die junge Journalistin Soledad dem Zuschauer am Anfang von Alejandro Agrestis Film über ein kleines Dorf inmitten der Einsamkeit Patagoniens namens Río Pico. Daraufhin erzählt ein Dorfbewohner der Reporterin eine skurrile und lustige Geschichte über sprechende Hunde. Die Aussage von Soledad wird vom Zuschauer natürlich als Gag aufgefaßt, denn der Film entwickelt sich zur Komödie über ein Dorf, in dem das selbst ernannte letzte Kino der Welt steht.

Da die Filmrollen erst ihren Weg um die halbe Welt gemacht haben, bevor sie dort ankommen, ist die Reihenfolge der vorgeführten Szenen nicht mehr so genau. Manchmal schneidet der Filmvorführer auch diverse Filme so zusammen, daß eine logisch nachvollziehbare Handlung unmöglich ist. Da nun aber die Dorfbewohner solch verstümmelte Filme seit Jahrzehnten konsumieren und das Kino ihre einzige Freizeitbeschäftigung ist, haben sie im Laufe der Zeit die Absurdität der wahllos zusammengeschnittenen Filmszenen auf die Logik ihres Daseins übertragen.

Soledad, die aus Buenos Aires flüchtete, kommt nur schwer mit den in ihrer eigenen Welt lebenden Dorfbewohnern klar, doch lebt sie sich im Laufe der Monate ein, heiratet den übergeschnappten Filmkritiker des Dorfes, der nur in Filmzitaten sprechen kann, und fühlt sich wohl. Das alles ist tatsächlich eine Komödie und eine äußerst witzige dazu. Zumal der französische Star fast aller in Río Pico gezeigten Filme, Edgar Wexley, irgendwann im Dorf auftaucht. Statt sich darüber aufzuregen, daß seine Werke, allesamt höchstens von B-Film-Niveau, in solch verstümmeltem Zustand aufgeführt werden, freut er sich, weil er weiß: »Diese Menschen wollen nur mich sehen, so sehr lieben sie mich.«

Als der Film zu ungefähr zwei Dritteln vorbei ist, taucht der nach Buenos Aires abgewanderte Antonio wieder auf, der sich als großer Erfinder sieht. Nach seiner Entdeckung der Relativitätstheorie und des Über-Ichs meinte er, bevor er damit in der Hauptstadt hausieren ging, den Kommunismus erfunden zu haben. Als ein gebrochener Antonio nach einem halben Jahr ins Dorf zurückfindet, dämmert es dem Zuschauer, warum dieser Film tatsächlich keine Komödie ist, sondern ein ernstes Drama über die Schrecken der Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren und der Unmöglichkeit, sich in Träume zu flüchten. In einer der eindringlichsten Szenen der letzten Jahre schildert der naive Antonio der perplexen Soledad die ihm widerfahrene Folterung detailliert und schonungslos, während die Kamera ganz langsam auf sein Gesicht zoomt.

Die Metapher des Kinos und des Irrsinns als Flucht vor der grausamen Realität löst sich langsam auf. Nach Antonios Wiederkehr hält das Fernsehen Einzug in das Dorf und zerstört das Kino und die damit verbundenen Möglichkeiten der Flucht in den Traum oder den Wahnsinn. Soledad erkennt, daß selbst am Ende der Welt das Grauen mit aller Gewalt zuschlägt, daß Träume nicht helfen, ein unbarmherziges Schicksal abzuwenden.

Es gibt eine Kurzgeschichte des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar, »Das besetzte Haus«, die als eine der bedeutenden literarischen Allegorien auf die Diktatur gilt: Ein Geschwisterpaar wohnt in einem Haus, dessen Räume langsam »besetzt« werden. Das Paar nimmt diese Situation als natürlich gegeben hin und verläßt das Haus, wobei sie den Schlüssel wegwerfen. Sie wundern sich allerdings wenig über die surreale Situation, die ihnen gleichfalls ein seltsames Sicherheitsgefühl gibt, denn wer soll denn schon einbrechen, »jetzt, wo das Haus besetzt ist.«

Auch das ist keine Komödie. 1970-01-01 01:00
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