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Lepel

NL 2005. R: Willem van de Sande Bakhuyzen. B: Mieke de Jong. K: Guido van Gennep. S: Wouter Jansen. M: Robert Lockhart. P: Lemming u.a. D: Carice van Houten, Joep Trujen u.a.
125 Min. Atlas ab 20.10.05

Den Kindern das Kommando

Von Tamar Noort Die Welt gehört in Kinderhände, so teilte uns Herbert Grönemeyer schon vor Jahren mit. Er malte das Bild einer Gesellschaft, die mit Panzern aus Marzipan und Gummibärchenarmeen regiert wird, in der man Erdbeereis auf Lebenszeit schleckt und Erwachsene in Grund und Boden gelacht werden. Grönemeyers Credo: Gebt den Kindern das Kommando, denn sie berechnen nicht, was sie tun. Wahre Anarchie entsteht nur durch Kinderhände.

Die Utopie einer von kindlichem Frohsinn regierten Welt unterschätzt ihre Protagonisten. Auch Willem van de Sande Bakhuyzen entwirft eine Welt, in der Kinder den Ton angeben. Doch seine Kinder kennen sehr wohl ihre Rechte und Pflichten. Sie unterscheiden vortrefflich zwischen Gut und Böse und nehmen sich das Recht, den Erwachsenen ihren Erziehungsauftrag zu entziehen. Sie wollen weder eine Welt aus Erdbeereis und Gummibären noch anarchisches Chaos. Vielmehr akzeptieren sie gern, daß Erwachsene das Sagen haben, solange sie gerecht behandelt und ernstgenommen werden. Wenn das nicht passiert, haben Erwachsene ihr Bestimmungsrecht verspielt.

Pleun wohnt in einem Schrank im Kaufhaus, weil ihre Eltern diesem Anspruch nicht entsprachen. Der neunjährige Lepel hat genug von seiner grausamen Großmutter und schließt sich ihr an. Lepel würde die Verantwortung, die er für sein eigenes Leben übernommen hat, gern wieder abgeben. Es ist nur niemand in Sicht, dem er das entsprechende Vertrauen entgegenbringt. Bei seiner Suche nach einer lieben Mutter, die ihn abends zudeckt, geht er ernsthaft und berechnend vor. Er kennt die Welt der Erwachsenen genau und manipuliert sie in seinem Sinne. Pleun und Lepel setzen sich über alle Gesetze hinweg, um sich am Ende in einem selbstgewählten Heim wiederzufinden. Sie kämpfen wie die Löwen um Geborgenheit. Lepels Credo lautet: Gebt den Kindern das Kommando, denn sie wissen genau, was sie tun. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
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