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Lemming

F 2005. R,B: Dominik Moll. B: Gilles Marchand. K: Jean-Marc Fabre. S: Mike Fromentin. M: David Whitaker. P: Diaphana, France 3 Cinema. D: Charlotte Rampling, Charlotte Gainsbourg, André Dussollier, Laurent Lucas u.a.
129 Min. Alamode ab 13.7.06

Horror des Alltags

Von Franziska Heller Lemminge unternehmen mysteriöse Wanderungen, um dann bisweilen kollektiven Selbstmord zu begehen. Auch wenn der gleichnamige Film wohl nicht diese finale Reaktion bei den Zuschauern anstrebt, so läßt Lemming doch den Zuschauer ebenfalls eine bizarre Wanderung durch die enigmatische Handlung unternehmen. Der Regisseur Dominik Moll formt filmsprachliche Elemente und Motive zu einem originellen und vor allem inszenatorisch durchdachten Universum, dessen Qualität darin liegt, Fragezeichen stehen zu lassen. Wie kommt etwa der Lemming in das Abflußrohr des »jugendlichen Musterpärchens« Alain und Bénédicte Getty? Alain, Ingenieur für Haushaltstechnik, eröffnet den Film mit der Präsentation seiner fliegenden Kamera, mit der man sein Haus immer »im Blick« hat. Das Thema des Sehens und Gesehen-Werdens übersetzt sich auch in die Inszenierung der Firmenräume, in denen die Vorstellung dieses neuartigen Produktes stattfindet: Es wimmelt von Bildschirmen, Spiegelungen und schaufensterartigen Glasscheiben. Sehen und Gesehen-Werden ist kein ungewöhnliches Thema für Filme, und dennoch unternimmt die folgende Geschichte sehr abstruse Abbiegungen.

Auf dem Nachhauseweg erzählt Alain Getty, wie alles anfing zu zerfallen. Der Zerfall läßt allerdings eine Weile auf sich warten. Zeitliche Dauer wird meist im positiven Sinne eine wichtige atmosphärische Komponente des Films ausmachen – in gewisser Hinsicht erinnert manche Einstellung an Kubricks Blick auf den Alltag in Eyes Wide Shut, doch die Anspielungen auf Kubrick sind später noch deutlicher. Genauso, wie sich in aller Detailgenauigkeit der Alltag des jungen, verliebten Ehepaars abspielt, genauso gestalten sich auch die Vorbereitungen für das Essen mit Alains Chef Richard Pollock und seiner Frau Alice. Als das Ehepaar Pollock schließlich eintrifft, weicht die anfängliche Freude schnell der Irritation. Zunächst behält Alice konsequent die dunkle Sonnenbrille auf. Dann spricht sie unvermittelt von den Huren-Konsultationen ihres Mannes. Und Alice ist nicht mehr loszuwerden: In den folgenden Tagen etabliert sie sich als nicht unbedingt angenehmer Bestandteil des Lebens von Alain und Bénédicte. Schließlich verbarrikadiert sie sich im Gästezimmer, während das hilflose Ehepaar und auch der Zuschauer mitanhören muß, wie die Einrichtung zerschlagen wird – bis plötzlich ein Schuß fällt.

Mit Alices Selbstmord verlieren die Perspektiven zunehmend an Rationalität. Die Sichtweisen auf die Personen fangen an, merkwürdig zu schweben: Was ist subjektive Wahrnehmung, und was ereignet sich tatsächlich? Die Abgründe öffnen sich und versetzen jede Sicherheit in Bewegung. Bei einer Fahrt auf einer engen tunnelartigen Bergstraße am Rande einer Schlucht erklingt der Strauß-Walzer à la Kubrick und läßt das Bild und somit die Fahrt zu einer unsicheren Schwebepartie ohne festes Gleichgewicht werden. Und tatsächlich, oben in einer Berghütte angekommen, verschwimmen die Identitäten von Bénédicte und der toten Alice komplett. Weder Alain noch der Zuschauer können ihren Augen trauen. Ein verstehender Überblick ist über die Geschehnisse nicht mehr zu erhaschen – schon gar nicht über das Verhalten der Frau, die einst Bénédicte war und nun mit Richard Pollock schläft. Alice hatte mal zu ihrem einzigen Ziel erklärt, sie wolle ihren Mann verrecken sehen. Die mysteriösen Irrwege, die dieser Film verfolgt, ermöglichen es, daß sich Alices Wunsch realisieren kann. Als Pollocks (Selbst-)Tötung erfolgt – was passiert wirklich? – beherrscht immer wieder Alices Blick von einem Foto herab die Geschehnisse. Nur minimal bringt das Ende des Films Licht in die dunklen Irrungen der Handlung. Das Ehepaar kann zu der alltäglichen Normalität zurückkehren, die sich als so abgründig und fragil erwiesen hat.

Über die atmosphärische Ausgestaltung dieser »Normalität« funktioniert der Film. Er ist vor allem eins: ruhig. Er spielt Dauer aus, und es gelingt ihm, auf diese Weise »Alltag« spürbar zu machen. Umso mehr Spannung baut sich beim Zuschauer in seiner abwartenden Haltung auf. Manchmal jedoch gerät die Funktionsgröße der Langsamkeit vielleicht für manchen Geschmack etwas zu ausgedehnt, da sich dieses Prinzip über den ganzen Film erstreckt. Es ist eine sehr europäische Erzählweise, die von mitreißenden Stars des französischen Kinos getragen wird: Charlotte Rampling, Charlotte Gainsbourg, Laurent Lucas und Altmeister André Dussollier. Doch so bizarr die Geschichte, deren wirkliches Verdienst eine bleibende Irritation ist, sich auch präsentiert, so wenig will sich die motivische Rückbindung an den titelgebenden Lemming einfügen und wirkt deshalb etwas bemüht. 1970-01-01 01:00

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