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Leben und Lieben in L.A.

Playing By Heart. USA 1998. R,B: Willard Carroll. K: Vilmos Zsigmond. S: Pietro Scalia. M: John Barry. P: Miramax. D: Gena Rowlands, Sean Connery, Dennis Quaid, Gillian Anderson, Angelina Jolie, Ryan Phillippe, Ellen Burstyn, Madeleine Stowe, Jay Mohr, Anthony Edwards u.a.
120 Min. Buena Vista ab 29.6.00

Architektur heute

Von Frank Brenner Das Kino ist ein Ort, an dem Geschichten erzählt werden. Große und kleine, lange und kurze. Früher waren die Kinogeschichten kürzer, dafür schaute sich der Zuschauer dann Double Features an. Nach den nur lose durch eine Grundthematik zusammengehaltenen Episodenfilmen der 60er Jahre, wuchs Robert Altman seit den 70ern mit Werken wie Nashville und Short Cuts in einem neuen Genre zum ungekrönten König heran: dem Ensemblefilm. Hier werden auf kunstvolle Weise mehrere kleine Stories erzählt, die aber unmittelbarer zusammenhängen und sich im Idealfall sogar miteinander zu einem komplexen Ganzen verbinden.

Mit Leben und Lieben in L.A. hat Willard Carroll bewiesen, daß er sich nicht hinter Altman zu verstecken braucht. Er hat auf intelligente Weise sechs scheinbar unzusammenhängende Episoden miteinander verwoben und daraus einen grandiosen Ensemblefilm zum Thema Liebe gezaubert. »Über die Liebe zu sprechen ist so, als würde man Architektur tanzen.« Das Motto von Carrolls Film gibt den Ton an und verdeutlicht eine gängige Kommunikationsblockade. Dieses Phänomen existiert auch vollkommen unabhängig von Geschlecht oder Generation, was der Film mit seinen zahlreichen Charakteren, die jedem Zuschauer eine Identifikationsfigur liefern werden, eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Gena Rowlands und Sean Connery verkörpern ein erfolgreiches Paar, das seit 40 Jahren verheiratet ist und wegen eines Jahre zurückliegenden Seitensprungs des Mannes nun in einer Krise steckt. Auf symbolträchtige Weise gleitet der Fernsehköchin Rowlands in ihrer Live-Sendung das Gericht aus der Pfanne auf den Boden – und wird prompt wieder in die Pfanne plaziert, als wenn nichts gewesen wäre. Connery kommentiert seinen Fehltritt anschließend höchst poetisch: Manchmal ist es wichtiger zu wissen, daß man von jemandem aufrichtig geliebt wird, als selbst jemanden zu lieben.

Auch die anderen Paare haben Beziehungsprobleme und Schwierigkeiten, diese zu artikulieren. Da gibt es beispielsweise den Loser Dennis Quaid, der sich in Singlebars betrinkt und jeder Zuhörerin eine andere dramatische Lebensgeschichte erzählt. Für die jüngere Generation stehen Angelina Jolie und Ryan Phillippe als Identifikationsfiguren zur Verfügung. Ihre beiden Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten, begegnen sich in der Disco und haben einen weiten Weg zurückzulegen, bis sie sich ihren wahren Gefühlen nicht mehr verschließen. Phillippe offenbart in seiner tragischen Figur eine schauspielerische Größe, die man dem Teenieschwarm kaum zugetraut hätte, und Angelina Jolie zeigt uns, daß sie den Oscar für Girl, Interrupted zu recht bekommen hat und enorme Starqualitäten besitzt.

Was alle Episoden gemeinsam haben, sind ihre tiefgründigen, teils humorvollen, teils poetischen, aber stets weisen und überaus hörenswerten Dialoge, die von einer ausgezeichneten Darstellerriege belebt werden. Auf der optischen Ebene hingegen setzt Vilmos Zsigmond durchaus Akzente, um die einzelnen Geschichten voneinander abzugrenzen. Mit Hilfe eines herausragenden und sehr differenzierten Set Designs entstanden so mehrere Filme in einem. Die Villa des alten Ehepaares strahlt eine mondäne Upper-Class-Atmosphäre aus, die von der grellen Discowelt der Teenager effektvoll kontrastiert wird. Das alles macht Carrolls Werk zu mehr als einem Beziehungsfilm, nämlich zu einem kurzweilig unterhaltenden Kaleidoskop über sehr realistische Figuren und deren Probleme. 1970-01-01 01:00

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