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Leben oder so ähnlich

Life or Something Like It. USA 2002. R: Stephen Herek. B: John Scott Shepherd, Dana Stevens. K: Stephen H. Burum. S: Trudy Ship. M: David Newman. P: Davies Entertainment, New Regency. D: Angelina Jolie, Edward Burns, Tony Shalhoub, Christian Kane u.a.
104 Min. Fox ab 10.4.03

Großes Kino oder so ähnlich

Von Dietrich Brüggemann Der Titel lädt ja schon zur Verballhornung ein: Angelina Jolie ist auf einmal »blonde or something like it«, ihre Figur ist karriereorientiert, sexy und wortgewandt oder so ähnlich, und es handelt sich insgesamt um eine Screwball Comedy in bester Tradition von Howard Hawks. Oder so.

Davon abgesehen ist die grundlegende Plotidee so hübsch, daß ich als Rezensent nicht umhin kann zu tun, was ich sonst lieber vermeide, nämlich ein paar Extrapunkte zu verbuchen und sie im folgenden kurz wiederzugeben, die Handlung. Und zwar:

Angelina Jolie, dem Publikum bestens bekannt als Wahnsinnige aus Girl, Interrupted und Shoot'em-up-Göttin aus Tomb Raider, verwendet Elemente dieser beiden Rollen für die Figur einer wahnsinnig harten und irrsinnig blondierten Fernsehjournalistin. Flintenweib, hätte mein Großvater gesagt, unsympathische Mörderzicke, lautete meine ungefilterte Spontanreaktion angesichts der ersten Viertelstunde. Alle Nebenfiguren, und neben so einer Frau gibt es nur Nebenfiguren, werden erst mal flächendeckend angegiftet, besonders auf den teddybärmäßig netten Kameramann, dessen Sympathiewerte neben ihr automatisch ins Riesenhafte wuchern, hat sie's abgesehen. Sie hatte nämlich mal was mit ihm, und daß da dann Schluß war, wundert keinen. Eher fragt man sich, wie die beiden überhaupt je zueinander gefunden haben.

Egal, denn bald kommt er, der große Hammer, der in jedem Hollywoodfilm die Dinge aufs Angenehmste ins reibungslose Rollen bringt. Einer jener netten Wahnsinnigen, die in Amerikas Städten gerne auf dem Gehsteig stehen und predigen, prophezeit unserer Identifikationsfigur nämlich im Vorbeigehen, sie werde ihren angestrebten Traumjob in New York nicht bekommen, weil sie vielmehr binnen einer Woche sterben werde.

Ja, da ist er, der Hammer, und der Rest ist vorhersehbar, macht aber trotzdem Spaß. Zunächst muß natürlich die Glaubwürdigkeit des Propheten überprüft werden. Geht in Ordnung, all seine Vorhersagen treffen ein. Also beginnt es, das Projekt, das aus einer fiesen Filmfigur, die den Leinwandtod verdient hat, in einer Woche eine Heldin machen wird, der wir das Leben wünschen. Schritt für Schritt wird sie aller äußeren Errungenschaften entkleidet, lernt Loslassen und findet die innere Freiheit, singt mit streikenden Busfahrern »I can't get no satisfaction« und hat, was man ihr nie zugetraut hätte: unschuldigen Riesenspaß.

Es ist die ganz alte Geschichte, die wir schon im Religionsunterricht gelernt haben: Umkehr macht froh, der Sünder geht den Weg der Reue und Selbstverleugnung und findet das, was einem im Unterricht nie versprochen wurde, nämlich Lebensfreude mit dem Mann ihres Lebens und damit wiederum, ganz im Sinne aller Religionslehrer: Erlösung.

Und genau wegen dieser archetypischen Zeitlosigkeit geht dem Film keineswegs so schnell die Luft aus, wie man denken sollte. Im Gegenteil, er ist für den naiven Zuschauer durchweg unterhaltsam, für den abgebrühten Hollywoodkonsumenten bietet er immer noch genügend echte Überraschungen, um Spaß zu machen, für den kulturtheoretisch ernsthaften Alt-Europäer ist er zweifelsfrei ungenießbar, für den Rest der normalen Menschheit enthält er neben einer geschmacksabhängigen Hauptdarstellerin doch einiges an echter Spontaneität und Spielfreude und ist damit jederzeit gut genug für einen netten Abend zu zweit.

Nach diesem versöhnlichen Schlußwort muß jetzt nur noch ganz kurz der Filmkomponist David Newman getadelt werden, der sich nicht zu schade ist, die seinerzeit noch originelle Musik seines Bruders Thomas aus American Beauty auf schamloseste zu plagiieren. In den vier Jahren, die seitdem vergangen sind, wollte so mancher Film den Zuschauer mit Xylophonen, Mandolinen und impressionistisch hingetupften Klavierakkorden in sein Reich locken, und was anfangs grandios und ungewohnt war, nutzt sich allmählich etwas ab. Thomas Newman, der's als erster gemacht hat, hat sich mittlerweile in Road to Perdition auch schon selber imitiert, und das sollte für den Rest der Familie ein Zeichen sein, sich vielleicht mal was Neues einfallen zu lassen. 1970-01-01 01:00

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