— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Ein Leben lang kurze Hosen tragen

D 2002. R,B: Kai S. Pieck. K: Egon Werdin. S: Ingo Ehrlich. M: Kurt Dahlke. P: MTM West. D: Tobias Schenke, Sebastian Urzendowsky, Ulrike Bliefert u.a.
83 Min. Salzgeber ab 19.8.04

Lauwarmer Shocker

Von Thomas Waitz Der Metzgergehilfe Jürgen Bartsch hat zwischen 1962 und 1966 im Ruhrgebiet vier schulpflichtige Jungen mißbraucht und anschließend ermordet. Bei der ersten Tat war er 15 Jahre alt, 19 war er, als man ihn faßte. Ein Leben lang kurze Hosen tragen schildert die Handlungen aus der Sicht des Täters. In der Landesheilanstalt Eickelborn gibt der mittlerweile 26jährige Kindermörder während einer fiktiven Therapiesitzung, die mit einer Videokamera aufgenommen wird, Auskunft. Die Selbstreferenz der Aufnahmeapparatur irritiert nachhaltig: Videoästhetik und 1973 – da hakt etwas gewaltig. In Kai S. Piecks Konzept wird das so entstehende Material durch eine Reihe von szenischen Rückblenden unterbrochen, die das Erzählte illustrieren, dabei jedoch kaum über Banalitäten hinauskommen, aber immerhin Anlaß bieten für eine durchaus einfallsreiche Montage.
Der deutlichste Mangel des Films liegt aber in der erschreckenden Überforderung des Hauptdarstellers Tobias Schenke, seine Figur glaubwürdig zu gestalten. Seine Leistung ist dabei selbst auf rein handwerklicher Ebene betrachtet bescheiden. Etwaige Vergleiche mit der Darstellung des Fritz Haarmann in Romuald Karmakars Der Totmacher müssen jedenfalls als Beleidigung Georges verstanden werden. Warum der Film – nach einer umfangreichen Festivalauswertung und einer TV-Aufführung im Herbst vergangenen Jahres – nun noch einmal in die Kinos kommt, ist völlig rätselhaft. Dem populären Mißbrauchsthema, geschweige denn der tragischen Figur Bartschs mag er jedenfalls keine neuen, differenzierten oder interessanten Aspekte abgewinnen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #35.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap