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Das Leben ist ein Chanson

On connait la Chanson. F/CH/GB 1997. R: Alain Resnais. B: Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri. K: Renato Berta. S: Hervé de Luze. Arrangements: Bruno Fontaine. D: Pierre Arditi, Sabine Azéma, Jane Birkin u.a.
120 Min. Pandora ab 9.4.98
Von Silke Löhmann Wie soll man den Plot von Resnais' neuestem Werk nacherzählen? Am besten gar nicht, denn erstens gibt es keine wirkliche Handlung, und zweitens ist alles, was sich nacherzählen ließe, furchtbar banal – On connait la Chanson wie der Titel schon sagt, man kennt die Melodie.

Interessanter ist es, wie Resnais die Befindlichkeiten, Wünsche, Sorgen, Verliebtheiten, Selbsttäuschungen, Begehrlichkeiten und Eifersüchteleien der Pariser Bourgeoisie verpackt und in Szene setzt. Wenn das Leben schon so banal ist wie die Weisheiten, die seit Jahrzehnten von den Lippen der Schlagersänger perlen, warum dann nicht den Protagonisten quasi zur besseren Lebensbewältigung diese Weisheiten und die kraftvollen Stimmen der allseits beliebten Barden leihen? Und so öffnen also Resnais' Helden wieder und wieder die Münder, und hervor brechen die altbekannten Chansons, vorgetragen von Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, France Gall, Edith Piaf, Serge Gainsbourg und vielen, vielen mehr. Ohne Rücksicht auf Stimmlage oder Geschlecht des karaokierenden Schauspielers.

Dieser Kunstgriff verleiht dem Film eine unglaubliche Leichtigkeit, viel Witz und eine große Portion Ironie, die die Kunstform des Musicals, bei der bekanntermaßen ebenfalls bei passender und unpassender Gelegenheit gesungen wird, in der Regel vermissen läßt. Würden nicht das Alter und die Meisterschaft von Alain Resnais Vergleiche verbieten, man wäre versucht, ihn als einen Woody Allen Frankreichs zu bezeichnen (vor allem eingedenk von Everyone says: I love You), mit solcher kunstvollen Beiläufigkeit entwickelt er seinen Figurenreigen und amüsiert sich über die alltägliche Tragik/Komik des Menschenlebens, ohne jemals den Respekt und die Sympathie für seine Helden zu verlieren. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #10.
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