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Leben in mir

Ono. PL/D 2004. R,B: Malgorzata Szumowska. B: Przemyslaw Nowakowski. K: Michal Englert. S: Jacek Drosio. M: Pawel Mykietyn. P: Pandora Filmproduktion, Bavaria Media GmbH u.a. D: Malgosia Bela, Marek Walczewski, Teresa Budzisz-Krzyzanowska u.a.
95 Min. Pandora ab 29.6.06

Am Anfang war das Wort

Von Judith Bömer »Das Leben zu lieben braucht Mut«, so die Aufforderung der jungen Eva an ihren neuen Freund Michal. Doch ehe die junge Polin diesen Lebensmut faßt, scheint ihre Existenz alles andere als aussichtsreich. Mit ihrer unterkühlten Mutter und ihrem an Alzheimer erkrankten Vater lebt sie in bescheidenen Verhältnissen, jobbt an der Kasse einer Tankstelle und schaut den Prostituierten bei ihrer Kundensuche zu. Obendrein ist sie schwanger von einem Mann, der sie verlassen hat. Auf sich alleine gestellt, sieht sie nur die Abtreibung als Ausweg aus dieser Misere. Doch als sie zufällig im Krankenhaus hört, wie eine Ärztin einer werdenden Mutter erklärt, daß bereits das ungeborene Kind die lautliche Umgebung wahrnehmen kann, ist der neuralgische Wendepunkt von Malgosia Szumowskas Film Leben in mir eingeleitet.

Was folgt, ist die auditive Eroberung der Welt: Immer zuversichtlicher beschreibt Eva ihrem Kind mit Farben, Tönen und Musik die Welt – sei es ihr wieder aufgenommenes Klavierspiel oder die vom Vater geerbte Liebe zur Musik Bachs. Auch die Farbigkeit erlebt einen Wechsel: Das anfangs nasse, in Grau-Blau getauchte Ödland weicht satten Grüntönen; die zunächst noch in tief hängender Jacke und Mütze verhüllte Hauptdarstellerin Malgosia Bela wird vor strahlendem Sonnenlicht zur jungen attraktiven Frau im Blümchenkleid. Dieser Übergang von gefühlter Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst zu neuer Hoffung und Optimismus entbehrt nicht eines gewissen Charmes, was zuvorderst der schauspielerischen Leistung Belas geschuldet ist.

Dennoch werden aus der zwar interessanten Ausgangssituation, der pränatalen Mutter-Kind-Beziehung als Erweckungserlebnis für den Beginn einer Emanzipationsgeschichte, zu wenige eigenständige und überzeugende Bildideen entwickelt. Zu selten wagt sich der Film auf Neuland vor, mehr als nur einmal orientiert sich die Regisseurin allzu eng an westeuropäischen Werken. Es ist vor allem die poetische Welt von Amélie Poulain, die der Beschreibung von Evas Mikrokosmos Pate steht, wenn der Blick im Zeitraffer über die Dächer Krakaus fährt oder in der Art, mit der Eva ihrem Kind die Welt erklärt. Auch Jacques Demys Musikfilm Die Regenschirme von Cherbourg winkt von Ferne, wenn Eva sich zu einer Tanz- und Gesangseinlage mit Bauarbeitern hinreißen läßt.

Mitunter gelingen diese Einschübe der Poetisierung des Alltags, zumeist aber sprengen sie das Gesamtgefüge. Der Film findet keinen echten, stringenten Erzählrhythmus, weil auch immer wieder plumpe Dialoge oder klischierte Bilder aneinandergereiht werden. Mal schwenkt die Kamera von der Schwangeren hinüber zu den Ikonen der heiligen Madonna, ein anderes Mal findet sich der Zuschauer in der Gegenwelt, einer zu einer Partyzone umfunktionierten Fabrikhalle wieder, einem Pandämonium moderner Subkultur, wo sich der Junkie Michal von seinen Drogenexzessen erholt, sich Partygänger in Trance tanzen oder lautstark Arien zum Besten geben. Zu guter Letzt verläßt Szumowski gegen Ende des Films den Blickwinkel Evas und verschiebt so den Fokus zugunsten der Figur des tiefgläubigen Vaters, der während eines langen Auftritts in einer Musik-Quizshow dem viel zitierten fünften Evangelisten Bach huldigen darf. Der Zuschauer wird dadurch abrupt aus seiner Wahrnehmung gerissen – wenn er sich nicht schon vorher aus der Geschichte gestohlen hat. 1970-01-01 01:00
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