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Das Leben, das ich immer wollte

La vita che vorrei. I/D 2006. R,B: Giuseppe Piccioni. B: Linda Ferri, Gualtiero Rosella. K: Arnaldo Catinari. S: Simona Paggi. M: Michele Fedrigotti. P: Rai Cinema, Lumiere & Co u.a. D: Luigi Lo Cascio, Sandra Ceccarelli, Fabio Camilli u.a.
127 Min. Schwarz-Weiß ab 26.10.06

Liebes Spiel

Von Thomas Warnecke Auf das, was wir lieben: Kunst beschäftigt sich mit Kunst, Film handelt von Film, Schauspieler spielen Schauspieler. Der archetypische Plot Mann-trifft-Frau spielt sich in Das Leben, das ich immer wollte auf und neben dem Set eines Films namens Das Leben, das ich immer wollte ab, wie den Plakaten zu entnehmen ist, die am Ende im Hintergrund zu sehen sind. Luigi Lo Cascio und Sandra Ceccarelli sind zwei Schauspieler, deren Liebesgeschichte sich zur Hälfte in einem Melodram aus dem 19. Jahrhundert abspielt.

Die Verwechslung von Darsteller und Rolle, die von Truffaut et al. mit dem Hinweis darauf betrieben wurde, daß es immer etwas lächerlich klinge, wenn ein Romanautor von seinen Figuren wie von tatsächlich Lebenden spreche, während die Schönheit des Kinos nicht zuletzt darin bestehe, tatsächliche und schöne Menschen etwas tun zu lassen resp. ihnen dabei zuzusehen, drängt sich bei Luigi Lo Cascio und Sandra Ceccarelli auf, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, ob sie sich möglicherweise selbst spielen. Das Drehbuch mit seiner Film-im-Film-Handlung bietet vor allem den Vorwand, Möglichkeiten der Begegnung durchzuspielen und Arten des Schauspiels auszuprobieren, vor allem aber, Dialoge sprechen bzw. hören zu lassen, die künstlich erscheinen, manchmal banal klingen mögen und von einer geradezu altmodischen Ernsthaftigkeit sind, die ergreifend ist: »Es ist Freude und Schmerz zugleich«, heißt es in Le Dernier Métro.

Das Leben, das ich immer wollte ist nicht nur in dieser lyrischen Gestimmtheit und schon dem Titel nach ein sentimentaler Film, sondern auch in dem Wissen, daß dieses ganze Erproben von Liebe, dieses Wechselbad von Übereinanderherfallen und Einanderverletzen schon zigmal durchgespielt wurde; die Film-im-Film-Szenen sind wie ein ironisches Zitat dieses Wissens – und die sehr sparsam eingesetzte Musik klingt dazu manchmal wie das Hauptthema aus Godards Le Mépris.

Alles in allem nicht wirklich originell – und daß Giuseppe Piccioni mit Das Leben, das ich immer wollte trotzdem wieder ein außergewöhnlicher, sehr guter, berührender und schöner Film gelungen ist, mag daran liegen, daß sich seine Regie, Kamera und die zwischen »Real-« und »Film«-Szenen gleitende Montage zu einer großen handwerklichen Gesamtleistung vereinen, mit Sicherheit aber daran, daß Sandra Ceccarelli und Luigi Lo Cascio alles um sich herum vergessen machen. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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