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Lea

D 1996. R,B: Ivan Fila. K: Vladimír Smutny. S: Ivana Davidová. M: Petr Hapka. D: Lenka Vlasáková, Christian Redl, Hanna Schygulla, Miroslav Donutil, Udo Kier u.a.
100 Min. Arsenal ab 11.9.97
Von Tom Beyer Lea hat mit der momentanen deutschen Kinolandschaft in etwa so viel gemein wie Hanna Schygulla und Udo Kier mit Til Schweiger und Katja Riemann – nämlich gar nichts. In einer Branche, die sich angesichts zweifelhafter Erfolge mäßiger bis mittelmäßiger Filme in einer neuen deutschen Kino-Euphorie und Selbstbeweihräucherung übt, drohte Lea beinahe unterzugehen.

Es bedurfte schon des energischen persönlichen Einsatzes des Autors und Regisseurs Ivan Fila und der äußerst positiven Resonanzen zahlloser ausländischer Festivals von Venedig bis Rotterdam, bis auch die deutschen Verleiher begriffen, welch herausragendes und zeitloses Stück Kino hier entstanden ist.

Erzählt wird die Geschichte von Lea (Lenka Vlasáková), einer jungen Frau, die seit dem gewaltsamen Tod der Mutter verstummt ist und in einer kalten und abstoßenden Umgebung aufwächst. Fehlende Zuneigung und Liebe lassen die junge Frau in eine Traumwelt flüchten. Als der 51jährige verknöcherte Herbert Strehlow (Christian Redl) Lea von den Zieheltern abkauft und gegen ihren Willen heiratet, scheint sich zunächst nichts zum Positiven zu wenden. Auch die Welt von Strehlow ist beherrscht von Kälte, Haß und Unmenschlichkeit.

Ganz langsam jedoch entdecken die beiden vom Schicksal gezeichneten Menschen Gemeinsamkeiten und lernen, einander zu verstehen. Die aufkeimende Liebe ist aber nur von kurzer Dauer, denn Fila gönnt seinen Figuren keine Erlösung, kein dauerhaftes Glück. Diese archaische und düstere Geschichte wird vor allem von den äußerst sensibel agierenden Darstellern und einer zurückhaltenden Regie getragen, die sich auf das visuelle Erzählen konzentriert.

Immer wieder finden der Regisseur und sein exzellenter Kameramann Vladímir Smutny in der deutsch-slowakischen Grenzlandschaft Bilder, die die Gefühlswelt der Charaktere trefflich widerspiegeln und dem Film eine außergewöhnliche Kraft verleihen. Es scheint eine herausragende Stärke osteuropäischer Kameramänner zu sein, Tableaus zu kreieren, die mehr sagen als nur das Dargestellte und wie in Kieslowskis visionären Bilderwelten dem Dargestellten noch etwas Dunkles, etwas Magisches hinzufügen. Lea kommt dabei mit äußerst wenigen Dialogen aus und kann sich auf eine pointiert und sparsam eingesetzte Musik stützen, die immer nur eine begleitende, nie eine aufdringliche Note annimmt.

Lea zeichnet sich damit gerade durch das aus, was den meisten anderen deutschen Kinoprodukten abgeht – eine zeitlose Geschichte, ein hervorragend ausgearbeitetes Drehbuch, und eine Inszenierung, die vor allem mit der Kraft der Bilder arbeitet. Filmische Qualitäten also, die man seit Wolfgang Beckers Kinderspiele aus deutschen Landen so nicht mehr gesehen hat. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #07.
© 2012, Schnitt Online

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