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Le Polygraphe

CAN 1995. R,B: Robert Lepage. B: Marie Brassard, Michael Mackenzie. K: Guy Dufaux. S: Emanuelle Castro. M: Robert Caux. D: Marie Brassard, Peter Stormare, Patrick Goyette, Maria de Medeiros, James Hyndman, Josee Deschenes u.a.
91 Min. TiMe ab 5.6.97
Von Daniel Hermsdorf Wer einen Film über die Wahrheit macht, kommt der Wahrheit nicht unbedingt näher. Der Versuch allerdings, in der Montage von Dingen, die entfernt voneinander sind, ein vollständigeres Bild zu erlangen, bleibt die größte Hoffnung eines Films.

Judith (Josee Deschenes) braucht einen Film, um den Tod ihrer Freundin Marie-Claire in ihre Sicht zu bringen.Lucie (Marie Brassard), die Marie-Claire spielen soll, hat einen Nachbarn, François (Patrick Goyette). Vielleicht war ihre Figur sein Opfer.

So will die eine Wahrheit inszenieren, die zweite sie mimen, und so muß der dritte sich an einen Lügendetektor, den Polygraphen, zwingen lassen. Und so, wie dieser verschiedene Körperregungen gleichzeitig aufzeichnet, wirkt auch die Wirklichkeit in Robert Lepages Le Polygraphe als vielteilige Struktur. Erst hier, auf dem Zelluloid außerhalb von Raum und Zeit, trifft eine medizinische Vorlesung über die Herzkammern auf Bilder des Berliner Mauerfalls.

Für François macht die Polygraphie aus seinem Leben ein Verwirrspiel, das höchste Nöte des Zeitvergehens und der Erinnerung heraufbeschwört. Und der Regisseur macht aus schlichten Filmtricks ein panoramatisches Puzzle. Figuren, die in einem Restaurant im Zeitraffer die Tische decken, während François regungslos auf seinem Stuhl fläzt, sind hier, um vieles mehr als etwa in Wong Kar-wais Chungking Express und Fallen Angels, Teil einer komplexen Weltsicht jenseits simpler Beziehungsfragmente und trendigen Designs. Lepages artifizieller Zugriff auf das Bild und seine Dauer ist zugleich sein inhaltliches Programm.

Bereits in Robert Lepages Le Confessionnal (1995) war die Verschränkung der Realitäten, von Film und Erinnerung das Hauptmotiv, wurde Hitchcocks I confess zur Folie unwiederbringlicher Augenblicke. Lepages filmisches System basiert auf dem Erkennen seines Mediums als einem der fetischisierten Erinnerung und fußt so auf der Differenz zu Lepages eigentlichem, dem Augenblick verhafteten Metier, dem Theater.

Selten gelingt es Filmen, den Eindruck zu erwecken, als habe jemand ein Stethoskop an die Welt gesetzt, und wir hörten im Kino tiefer in das hinein, was sonst Oberfläche bleibt. Robert Lepage ist in Le Polygraphe dem Ort nah, an dem die Geschichten und Lügen beginnen, wieder und wieder. Wie wahr. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #06.
© 2012, Schnitt Online

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