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Lautlos

D 2004. R: Mennan Yapo. B: Lars-Olav Beier. K: Torsten Lippstock. S: Dirk Vaihinger. M: Gary Marlowe. P: X-Filme. D: Joachim Król, Nadja Uhl, Christian Berkel, Rudolf Martin, Lisa Martinek u.a.
90 Min. X-Verleih ab 29.4.04

Gegen mehr Menschlichkeit

Von Achim Wetter »An wen erinnert Sie dieses Bild?« erkundigt sich Profiler Lang bei seinem Scharfschützen-Azubi vor dem Schuß auf die Simulation einer Zielperson. »Er sieht ein bißchen aus wie mein Vater«, antwortet dieser, und Langs »Falsch, es ist ihr Vater, und zwar als junger Mann« markiert das jähe Ende einer möglichen Polizeikarriere. Damit ist klar, hier sind menschliche Regungen nur inakzeptable Störfaktoren, und Christian Berkel als operativer Fallanalytiker gibt diesmal den Dogmatiker des Professionellen. Notwendig scheint diese Einstellung allemal, denn seine Beute, der ebenso spur- wie geräuschlos tötende Killer Viktor spielt in der Liga der Champions.

Die Figur des mordenden Schattenwesens, des Söldners, der gegen gute Bezahlung bereit ist, sich über jede Moral hinwegzusetzen, und ein Leben lebt ohne echte soziale Kontakte, fasziniert uns wohl vor allem deshalb, weil sie kaum zu übertreffen ist als Metapher für moderne Lebensführung. Schon Luc Bessons Léon oder zuletzt Paul Hills The Poet hantierten vorzugsweise mit dieser psychologischen Seite der Isolation. Auch Drehbuchautor Lars-Olav Beier gibt Joachim Król in der Rolle des Auftragsmörders eine Chance, den sozialen und emotionalen Kokon zu durchbrechen. Um Króls Figur mit Möglichkeiten zur Identifikation anzureichern, bastelte Beier ein spannendes Puzzlespiel um Viktors Vergangenheit und liefert uns in sorgfältig dosierten Portionen kleine Einblicke in dessen frühen kindlichen Werdegang. Zielstrebig, ohne Luft zu holen und in eindrucksvollen Breitwandbildern arbeitet sich Lautlos vor bis zum traumatischen Schlüsselerlebnis.

Daß es in Deutschland auch für Filme dieser Machart nicht an Talenten mangelt, die massentaugliche Unterhaltung auf höchstem Niveau zu produzieren in der Lage sind, das beweisen Mennan Yapo, sein Team und vor allem Kameramann Torsten Lippstock zweifelsohne. Dennoch dürfte man hier erleichtert sein, daß sich zu diesem Versuch einer zugegebenermaßen längst überfälligen Rückeroberung eines Genres gerade ein Regisseur mit türkischen Wurzeln berufen fühlte. Denn sie drängt sich hier einfach auf, die Frage des ewigen Spielverderbers: Ist die Stilisierung entmenschlichender Professionalität in Kombination mit der Faszination an der Präzision des Tötens generell – vor allem aber in diesem Land – wirklich der passende Weg in ein Happy-End? 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #34.
© 2012, Schnitt Online

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