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Last Days

USA 2005. R,B,S: Gus Van Sant. K: Harris Savides. M: Rodrigo Lopresti. P: Meno Film. D: Michael Pitt, Asia Argento, Scott Patrick Green, Nicole Vicius, Ricky Jay u.a.
97 Min. Alamode ab 11.1.07

Kunst als Verzicht

Von Ekaterina Vassilieva Wer von Last Days eine Art Biopic erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht oder vielleicht umgekehrt positiv überrascht sein, daß der Regisseur Gus Van Sant mit diesem Film offenbar etwas ganz anderes intendiert hat. Nicht nur, daß der tragisch verstorbene Rock-Star in Blake umbenannt wird und die Nirvana-Musik kein einziges Mal erklingt. Der Film läßt einen auch bald völlig vergessen, daß man den Kinosessel hauptsächlich wegen Kurt Cobain aufgesucht hat, und konfrontiert den Zuschauer mit einer Geschichte, die nicht zwingend an konkrete Personen gebunden ist und die Kunst- und Weltsicht des Regisseurs vermutlich viel intensiver reflektiert als die der charismatischen Grunge-Ikone.

Der Rock-Musiker Blake lebt auf seinem Landanwesen in einem Schwebezustand zwischen mehreren Welten. Nachts sucht er den Kontakt mit der Natur und irrt gedankenversunken im Wald herum. Tagsüber lockt es ihn wieder in das große, von innen verwahrloste Haus, in der Hoffnung, die noch verbleibenden Kreativitätsschübe für neue Songs zu nutzen. Seine Gesundheit, aber auch seine gesamte Persönlichkeit ist durch den Drogenkonsum stark angeschlagen, so daß er in sich verschlossen und für die Mitmenschen fast unansprechbar wirkt. Im gewissen Sinne ist das aber auch eine Schutzreaktion gegenüber der Realität, die zu einem einzigen Störfaktor geworden ist. Während Blake dem Werbebesuch eines Anzeigenverkäufers noch mit einer Portion Neugier begegnet, lassen ihn die Bandkollegen oder der auf die Einhaltung der Tourdaten pochende Manager zu keiner Unterhaltung mehr verleiten. Er gehört nicht länger zu dieser Welt und nimmt innerlich Abschied von ihr. Genau diesen Zustand des Übergangs, der zugleich als Schmerz und als Erlösung erlebt wird, versucht Gus Van Sant vor allem metaphorisch und atmosphärisch nachvollziehbar zu machen.

Das Paradoxe am Film ist die Tatsache, daß der von Drogen gezeichnete und seelisch ruinierte Rock-Star dem reinen »Künstlerdasein« am nächsten steht, auch wenn seine fruchtbarsten Schaffensphasen nun hinter ihm liegen. Die gestörte Wahrnehmung, die ihn weniger empfänglich für die Außenreize macht, verschafft ihm so etwas wie eine imaginäre Herberge, in der er sich, wie ein Einsiedler, inmitten des geschäftigen oder bohemischen Treibens in der geistigen Askese üben kann. Der Persönlichkeitsverlust ist wiederum eine Chance, über die Grenzen hinauszugehen und andere Identitäten auszuprobieren, d.h. für Van Sant mit dem Leben auf einer viel intimeren Ebene zu kommunizieren als es die rationale Vernunft vermag. So läuft Blake in aufreizenden Frauenkleidern herum, versucht sich mit gefälltem Jagdgewehr in der Rolle des konservativen Hausherren oder lauscht verstummt einem schnulzigen Song von Boyz II Men, der so gar nicht in sein eigenes musikalisches Profil paßt.

Zur Kunst gehört auch, daß die Affekte nicht direkt ausgelebt, sondern in kreative Energie umwandelt werden. Der scheue Versuch eines der Bandkollegen, mit Hilfe von Blake einen Songtext über ein denkwürdiges erotisches Erlebnis zu formulieren, wird schließlich zugunsten einer anderen sexuellen Begegnungen aufgegeben. Während des Auftaktes zur zärtlichen (homoerotischen) Sexszene hören wir aber bereits, wie Blake im unteren Raum ganz allein am neuen Song arbeitet. Später wird diese Sequenz in einer für van Sant typischen Manier aus einer anderen Perspektive noch einmal gezeigt, und wir beobachten nur den kreativen Prozeß, der sich, wie wir bereits wissen, zeitlich mit dem Sex im anderen Zimmer überlagert. Auf diese Weise läßt sich die Kunst als Verzicht auf die Geborgenheit des Lebens begreifen, der im Tod seine logische Konsequenz erfahren muß.

Noch einen – bisweilen ironischen – Kommentar zur dargestellten Problematik können wir dem Soundtrack entnehmen, in dem ganz besonders der psychedelische Hit »Venus in Furs« von The Velvet Underground und Renaissance-Madrigale hervorstechen. »Venus in Furs«, der um ein sadomasochistisches Erlebnis kreist, stellt im Kontext des Films eine dunkle Beschwörung des Untergangs dar, indem der Tod wie eine unerbittliche Domina angesprochen wird: »Strike, dear mistress, and cure his heart.« Madrigale, die formale Überhöhung und aufwendige musikalische Ausschmückungen zum Prinzip erheben, stehen dagegen für die Selbstbezogenheit der Kunst, die, auch wenn sie sich thematisch der harten Realität zuwendet, eher dem metaphysischen Bereich angehört. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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