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Lampedusa

Respiro. I/F 2002. R,B: Emanuele Crialese. K: Fabio Zamarion. S: Didier Ranz. M: John Surman. P: Fandango, Les Films des Tournelles, Roissy Films. D: Valeria Golino, Vincenzo Amato, Francesco Casisa, Veronica D'Agostino u.a.
95 Min. Prokino ab 10.4.03

Das Arthouse-Alphabet

Von Dietrich Brüggemann Es ist manchmal nur eine feine Trennlinie, die im Kino Kunst von Kommerz trennt, kleine, oft eher symbolische Momente des Verzichts, mit denen der Filmemacher dem Zuschauer signalisiert: Seht genau hin, ich werde euch nicht einlullen und manipulieren, es liegt an euch, die Einzelteile zusammenzufügen.

Emanuele Crialeses neuer Film Lampedusa enthält viele jener Elemente, aus denen man ein großes Melodram stricken könnte: die ursprüngliche, schroffe Landschaft der namensgebenden Insel, weiter Himmel und grundloses Meer, dazu Menschen, so wild wie der Ort, den sie bewohnen. Dann die Geschichte einer Frau, die sich nicht in die überkommenen Strukturen einfügen will und damit im Nu die Männer und die Götter der Tradition gegen sich aufbringt.

Der gut abgehangene Schinken, das althergebrachte Unterhaltungs- und Emotionskino mit seinen bewährten Regeln, wäre bei diesem Stoff ein durchaus naheliegendes Genre gewesen. Crialese entscheidet sich aber dagegen und für ein anderes, nämlich für den ästhetisch durchkomponierten, klar gegliederten und manipulationsfreien Festival- und Arthouse-Film mit seinen nicht minder bewährten Regeln.

Der weitgehende Verzicht auf Filmmusik ist eine jener ungeschriebenen Konventionen, mit denen der Film seine Ernsthaftigkeit signalisiert und auf Distanz zu allem geht, was nach Hollywood klingen könnte. Oder, subtiler, die klare Trennung der Szenen auf der Tonspur, keine überlappenden Atmosphären, kein Tonüberhang, der uns von einem Bild ins nächste zieht. Eine in sich ruhende Kamera, vor der sich in lakonischen, aber durchkomponierten Bildern die Ereignisse wie von selbst entfalten. Dazu Geschichten von Menschen, die aus der Norm ausbrechen, konsequenter als andere ihren Weg gehen, keine Kompromisse machen und damit für ihre engstirnige Umgebung wie Wahnsinnige aussehen.

All diese strukturellen und semantischen Prinzipien finden sich in Lampedusa. Sie machen den Film per se weder besser noch schlechter als er es im Gewand des Unterhaltungsfilms gewesen wäre, sie ordnen ihn nur in eine Reihe, eigentlich auch in ein Genre ein. Und im Rahmen dieses Genres ist der Film durchaus herausragend, sehenswert und sorgfältig gemacht. Wie Crialese die Geschichte der unbeugsamen Grazia erzählt, die sich von den Männern nicht den Mund verbieten läßt und die Konsequenzen auf sich nimmt, das ist so rund und stimmig, wie man es sich nur wünschen kann.

Gelegentliche Ausbrüche aus der formalen Strenge finden sich in den wiederkehrenden Unterwassersequenzen, in denen auch das einzige Musikstück erklingt, das der Film sich gestattet, doch in ihrer kaum variierten Wiederholung mit stets der gleichen Musik erhalten sie schon wieder den Rang eines formalen Ordnungselements.

Lampedusa ist insgesamt so gut und schön, wie er im Rahmen der selbst auferlegten Prinzipien sein kann. In seinem Genre, dem festival- und insiderorientierten, aber immer noch publikumskompatiblen Kunstfilm, erreicht er das Erreichbare, doch er sprengt den Rahmen nicht. Zugegeben, das gelingt nur wenigen Filmen – Das Fest als naheliegendstes Beispiel definierte sein Genre neu, Cinema Paradiso leistete in seiner überfließenden Sentimentalität Vergleichbares für den, sagen wir mal, europäischen Emotionsfilm.

Dennoch ist Lampedusa ein rundum gelungener Film, es bleibt allenfalls eine Spur von leiser Enttäuschung angesichts des nicht unternommenen Versuchs, die Sache anders als auf die bekannte Art und Weise anzugehen und uns mal wirklich zu überraschen. 1970-01-01 01:00
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