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Lammbock – Shit happens

D 2001. R,B: Christian Zübert. K: Sonja Rom. S: Andrea Mertens. M: Chris Jones. P: Little Shark, Senator. D: Moritz Bleibtreu, Lucas Gregorowicz, Marie Zielcke, Alexandra Schalaudek, Elmar Wepper u.a.
90 Min. Senator ab 23.8.01

Klischee-Kino

Von Oliver Baumgarten »Cheech & Chong«, das ist nun schon fast zwanzig Jahre her, und die Filme dieser beiden merkwürdigen Zeitgenossen waren wahrhaft ein Phänomen. Und das gar nicht, weil sie etwa besonders komisch gewesen wären, sondern weil sie in perfekter Manier alle Klischees über das Kiffen auf breiter Linie verbraten und kultiviert haben. Erstaunlicherweise gefiel das sowohl Leuten, die noch nie gekifft haben – die fanden's cool – als auch Kiffern selbst – die fanden's lustig, so, wie Kiffer alles lustig finden, womit das erste Klischee schon mal heraus wäre. Ein weiteres Klischee von Kiffern erfüllt sich in ihrem kultivierten Schwafeln, im verbalen Bockschießen, im engagierten Zutexten mit in bewußtseinserweiterter Hirnmasse produzierten Stil-Blüten.

Aber Klischees und Vorurteile sind ja eine tolle Sache, weil sich aus ihnen das in unserer vielzitierten Postmoderne zur unverzichtbaren Sozialkompetenz erhobene Halbwissen bedient, jener Erste-Hilfe-Kasten für intelligente Konversation, mit dem sich jeder flugs zum guten alten Universalgenie verarzten kann. Lammbock macht aus den Klischees, die er bedient, keine Sekunde lang einen Hehl, wofür Christian Zübert auf Knien zu danken ist.

Kiffen im Film ist eine coole Sache geblieben – und eine alberne, natürlich. Das albernste bei Lammbock ist allerdings der Plot, der eigentlich kaum nacherzählbar scheint, denn das Nacherzählen des Plots wird dem Film in keinster Weise gerecht: Zwei Studenten aus vermögendem Hause betreiben einen Pizzalieferservice, über den dank eines Codewortes Cannabis zu beziehen ist. Sowohl Liebes- als auch Studentenleben der beiden Dealer leiden gehörig unter ihrem Konsum, und als ihre Plantage von Ungeziefer heimgesucht wird und sie einen selbsternannten Fachmann in Sachen Schädlingsbekämpfung einsetzen, der sich als Polizist erweist, da wird es turbulent.

Wie gesagt: Klingt albern. Doch drei Elementen ist es zu verdanken, daß Lammbock nicht albern, sondern zum Teil saukomisch wurde. Da sind zum einen die Darsteller, allen voran Moritz Bleibtreu und Lucas Gregorowicz, die – aller Turbulenz trotzend – von einem wunderbaren Understatement beseelt scheinen, eine Ruhe, aus der sie die Komik zu schöpfen vermögen. Einen Hort wahrer Freude birgt zudem der technische Stab, besonders die Kameraarbeit der bereits bei den Filmen von Matthias Glasner begeisternden Sonja Rom vermag die Komik auf der Bildebene unter Mithilfe der Cutterin Andrea Mertens subtil zu unterstützen.

Zu guter Letzt bereitet es teuflisches Vergnügen, mal wieder einen Film aus heimischen Landen zu sehen, der stilvoll auf Geschmacksgrenzen scheißt, dem es gelingt, ohne »Ballermann«-Furzgag unverschämt zu sein und der, ohne gleich die Frechdachs- Fahne zu hissen, herzergreifend un-PC ist. Die Bettszene, die sich Christian Zübert da hat einfallen lassen, ist durchaus starker Tobak, und daß der Film mit einer moralischen Einsicht in die gefährlichen Folgen des Cannabis-Konsums schlösse, läßt sich auch bei weitem nicht behaupten.

Vielleicht ist es am Ende doch eher so: Die Klischees leben von der Komödie und nicht umgekehrt. Und vielleicht hatte auch Woody Allen recht: Nicht die Kunst imitiert das Leben, sondern das Leben imitiert die Kunst. 1970-01-01 01:00

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