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Lady Vengeance

Chinjeolhan geumjassi. ROK 2005. R,B: Park Chan-wook. B: Jeong Seo-gyeong. K: Jeong Joeng-hun. S: Kim Jae-beom, Kim Sang-beom. M: Choi Seung-hyeon, Jo Yeong-wook, Na Seok-joo. P: Centurion u.a. D: Lee Yeong-ae, Choi Min-sik, Kwon Yea-young u.a.
112 Min. 3L ab 11.1.07

Nicht ohne meine Tochter

Von Lina Dinkla Mit Lady Vengeance beendet Park Chan-wook seine lose zusammenhängende Trilogie, die sich ganz dem Thema der Rache widmet. Nach Sympathy for Mr. Vengeance und Oldboy stellt er auch hier wieder eine Figur in den Mittelpunkt, die, richtig, Rache nimmt. Um viel mehr geht es auch gar nicht, der Titel ist Programm und Mißverständnisse deshalb von vornherein ausgeschlossen.

Lee Geum-ja ist Lady Vengeance: 13 Jahre hat sie im Gefängnis gesessen, weil sie einen fünfjährigen Jungen entführt und ermordet haben soll. Daß sie dabei nur Komplizin, nicht aber die tatsächliche Mörderin gewesen ist, erschließt sich schon nach kurzer Zeit. Der wahre Täter ist Mr. Baek, ein harmlos wirkender Grundschullehrer. Nach der Tat hat der wiederum ihre Tochter gekidnappt und konnte sie so zwingen, sich für das Verbrechen schuldig zu bekennen und für ihn die Strafe abzusitzen. Doch weniger für die Zeit hinter Gittern will sie sich rächen, sondern vor allem dafür, daß sie gezwungen wurde, ihre Tochter im Alter von ein paar Monaten zur Adoption freizugeben, ihr damit das Recht entzogen wurde, Mutter zu sein und sie im Gefängnis durch Baek zur »Sünderin« wurde.

Der Film setzt ein mit der Entlassung Geum-Jas. Ein Geistlicher samt Chor empfängt sie am Gefängnistor und überreicht ihr ein Stück blütenweißes Tofu; ein Symbol für Reinheit und den Neuanfang eines sündenfreien Lebens. Doch was macht sie? Kippt den Teller in den Dreck und hat für den Priester nur ein verächtliches »Go, fuck yourself« übrig. Im Gefängnis zwar von ihren Zellengenossinnen anhimmelnd »the kind-hearted« genannt, war das Wesen der Engelsgleichen jedoch nicht viel mehr als Fassade, die sie nach außen bis zur Perfektion aufrechterhalten hat. Und das nicht zuletzt, um sich genug Freundinnen zu machen, die ihr jetzt – wieder draußen – bei der Umsetzung ihres Plans bereitwillig helfen. Wieder in die Freiheit entlassen kann sie endlich, nach quälenden Jahren des Ausharrens und sich Beherrschens, ihren unbarmherzigen Rachefeldzug antreten. Und von dem läßt sie sich durch nichts und niemanden aufhalten, komme was da wolle.

Allerdings hat sie noch etwas zu erledigen. Nur einmal, wirklich nur einmal ganz kurz nach all den Jahren, möchte sie ihre Tochter sehen. Aus der ist in der Zwischenzeit der kaugummikauende Teenager Jenny geworden, die bei einem Ehepaar in Australien aufgewachsen ist, das gelinde ausgedrückt etwas debil wirkt und so gar keine Aktien im Spiel zu haben scheint. Bevor sich Geum-Ja also daran machen will, Baek aus dem Weg zu räumen, besucht sie Jenny und will sich gleichzeitig von ihr verabschieden. Doch die denkt gar nicht daran, ihre eben erst aufgetauchte Mutter, und eine derart coole dazu, so schnell wieder gehen zu lassen. Wohl oder übel muß Geum-Ja die sture Jenny mit nach Seoul nehmen und steht zudem vor der Aufgabe, ihr und sich selbst zu erklären, wie es möglich ist, daß eine Mutter ihr Kind verläßt.

Wie nicht anders zu erwarten, entwirft Park auch mit Lady Vengeance ein höchst artifizielles Gebilde um Schuld, Buße, Gewalt und Lynchjustiz. Anders aber als in Oldboy hat die Figur der Geum-Ja sich eigentlich nichts zuschulde kommen lassen und mußte ungerechtfertigterweise so lange und geduldig im Gefängnis ausharren. Oh Dae-su in Oldboy hingegen muß feststellen, daß er aus gutem Grund eingesperrt war, doch begreift zu spät, daß nicht nur er Rache an seinem Peiniger nimmt, sondern daß diese Rache Teil dessen Plans ist. Lady Vengeance aber bekommt für ihr Vorgehen uneingeschränkt alle Sympathiepunkte zugesprochen; selbst der zuständige Kommissar läßt es sich nicht nehmen, bei Baeks kollektiver Hinrichtung tatkräftig mitzuhelfen.

Dieses Motiv der unermeßlichen Rache ist natürlich eine komplett parabelhafte Konstruktion, fern von jeglichem Realitätsbezug. Doch wie auch in den anderen beiden Filmen weist die Entwicklung der Handlung keinerlei Brüche auf, sondern erscheint als eine in sich geschlossene und in ihrer Konsequenz folgerichtige Geschichte, die Park wie gewohnt in glasklaren, brillanten und überwältigenden Bildern erzählt. 1970-01-01 01:00

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