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Lady Chatterley

Lady Chatterley et l'homme des bois. F 2006. R,B: Pascale Ferran. K: Julien Hirsch. S: Yann Dedet, Mathilde Muyard. P: Maïa Films, Saga Film u.a. D: Marina Hands, Jean-Louis Coullo'ch, Hippolyte Girardot u.a.
161 Min. Filmkinotext ab 2.8.07

Der gesellschaftliche Körper

Von Martin Thomson Es fällt nicht schwer zu erahnen, warum D.H. Lawrences Roman »Lady Chatterley's Lover« für zahlreiche anrüchige Softporno-Adaptionen herhalten mußte: Eine wohlhabende Lady, uneins mit ihrem fruchtbaren Körper, der aufgrund des kriegsversehrten Leibes ihres Ehemanns unbefriedigt bleibt, flüchtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Arme eines robusten Wildhüters. Das mutet erst mal verführerisch an. Für Frauen, die ähnliche Wunschvorstellungen aufgrund ehelicher Keuschheit hegen, und für Männer, die sich nur allzu gern in die Vorstellung vernarren, abwechselnd Holz zu hacken und die Gattin des Arbeitgebers zu beglücken. Zahlreiche Nachahmungen, sowohl in der Schund- als auch in der Weltliteratur zeugen von der Attraktivität dieses Stoffes, der das frivole Doppelleben der Titelheldin stets mit Hochglanz-Sexszenen zu unterfüttern wußte. Eine wollte es besser machen: Die französische Regisseurin Pascale Ferran. Mit der Intention, die schlüpfrigen Adaptionen der letzten dreißig Jahre vergessen zu machen, realisierte sie zwei Fassungen ihres Films, die der ehrwürdigen Vorlage gerecht werden sollten: einen Zweiteiler für Arte und eine auf knapp 160 Minuten gestraffte Kinoversion, die bei der diesjährigen Verleihung der Cesárs fünf Auszeichnungen erhielt.

Das cineastische Resultat ist alles andere als effektheischende Lust- und Körperschau aus der Schmuddelecke, sondern naturalistisch gehaltene Elegie auf die emotionale und körperliche Befindlichkeit der Titelheldin. In lang andauernden Einstellungen und einer auf Distanz gehaltenen Kameraführung gelingt es Pascale Ferran der in gesellschaftlichen Ritualen erfrorene Grundstimmung innerhalb des adeligen Soicété zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerecht zu werden. Vor der Gefahr, ein Publikum, das rasante Schnittfolgen und überraschende Wendungen gewohnt ist, zu langweilen, scheut die französische Regisseurin dabei nicht zurück. Im Gegenteil: Sie erklärt den hier gebotenen Purismus zum ästhetischen und inhaltlichen Leitsatz ihrer Inszenierungsweise und erinnert dadurch mitunter an das zu Unrecht ignorierte Bravourstück Barry Lyndon von Stanley Kubrick, das mit Lady Chatterley et l'homme des bois jene radikale Nüchternheit gemein hat, die Ferrans Film weit über konventionelle Historienunterhaltung hinaushebt.

Was Lady Chatterley et l'homme des bois indes so bemerkenswert macht, das ist der Gleichklang seiner psychologischen und soziologischen Erkenntnisse. Ferran legt vor allem einen Schwerpunkt auf die Motorik des gesellschaftlichen Körpers und seiner personellen Ausgestaltungen. Darüber wie sie funktionieren, in welchen Kontexten sie gedacht werden und wie sie sich diesen Kontexten anpassen, entwickelt sich eine poetisch-rauschhafte Innerlichkeit, die sich aus den Figuren herausspeisend in kühlen Bildern artikuliert, die ihre Entladung durch jene Sexszenen erfährt, die Ferran mit Feingefühl und Glaubwürdigkeit aufzubereiten versteht. Hier hat Erotik weniger mit Erregung zu tun, viel eher ist sie Ausdruck eines verbalen Unvermögens der Figuren und der Reibung ihrer Gegensätzlichkeiten, die das große Gefälle einer in Veränderung begriffenen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck bringt. Pascalle Ferran hat einen Jahrhundertroman nicht nur begriffen, sie hat ihm überragende Reminiszenz erwiesen. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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