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La vida es silbar – Das Leben ein Pfeifen

La vida es silbar. C/E 1998. R,B: Fernando Pérez. B: Humberto Jiménez, Eduardo del Llano. K: Raúl Pérez Ureta. S: Julia Yip. M: Edesio Alejandro. P: ICAIC/Wanda. D: Elpidio Valdés, Coralia Veloz, Claudia Rojas u.a.
106 Min. Pegasos ab 20.1.00
Von Dietrich Kuhlbrodt Happy Havanna dann doch in einem Sinne: Wenn man denn schon in Kuba nicht einfach so rausplatzen kann mit seinem Anliegen, dann muß man eben die Kunst beherrschen, frei zu fabulieren und dabei Laune zu machen – und Bilder mit dem zweiten Blick zu sehen. Wo Dialoglisten abgenommen werden, kann immerhin unbekümmert gepfiffen werden. Und wo die Filmfunktionäre bei Reizwörtern in Ohnmacht fallen, kann man eben dies im Bild zeigen, ganz undiskursiv, und die Funktionäre sind dann Passanten wie du & ich.

Regisseur Fernando Pérez läßt in seinem spanisch-kubanischen Film La vida es silbar auf Havannas Strandpromenade reihenweise Leute bewußtlos zu Boden sinken, spricht man das Wort »Sex« aus, gar »Doppelmoral« oder, man mag es fast nicht glauben, »Freiheit«. Das gibt bunte, märchenhafte, rätselhafte Bilder, so richtig was zum Mitnehmen. Eine Gebrauchsanweisung ist selbstverständlich nicht dabei.

Immerhin läßt sich dem Film etwas entnehmen, das auch einem deutschen Rezipienten nicht unbekannt sein dürfte: Verlockung und Warnung zugleich. Wir Intellektuelle nennen es die gleichzeitige Präsenz von Ich und Überich. Also, Mutter Kuba, du Frau aller Frauen, was willst du mir sagen? Na? Ja? Sie schweigt in der langen Filmsequenz. Wir sehen eine aufgeputzte Heiligenfigur, der Reden prophezeit ist. Aber Reden ist Silber, Schweigen Gold, das Bild funkelt im Edelmetallglanz, die Prophezeiung erfüllt sich nicht.

Wir kennen bei uns die Doppelmotivation leider nicht im Geschmeide- und Edelfall, sondern nur im Ekel- und Splatterfall. Hinsehen und weggucken in einem. Merkt euch das, wenn ihr in einer Fremde seid, wo der Ekel nicht in eine einschlägige Ecke abgeschoben ist. Es ist eine andere, glamouröse Art von Ekel, wenn an Havannas Strandpromenade eine kurzgeschorene schöne, junge Frau aus den Staaten herbeifabuliert wird. Selbstverständlich landet sie in einem Heißluftballon.

Verführerisch zieht sie an der Brennerleine, um die heiße Luft in den Ballon steigen zu lassen. Dem schönen starken Fischer, einem Mannsbild von Prachtkubaner, wird ganz eigen. Denn eigentlich wartet er doch darauf, daß Mutter endlich zu ihm spricht. Kuba, doch wohl. Er wartet. Solange darf gepfiffen werden. La vida es silbar. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #17.
© 2012, Schnitt Online

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