— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

L'Esquive

F 2003. R,B: Abdel Kechiche. B,S: Ghalya Laroix. K: Lubomir Bakchev. P: Noé Productions, Lola Films. D: Osman Elkharraz, Sara Forestier, Sabrina Ouazani, Nanou Benahmou, Hafet Ben-Ahmed, Aurélie Ganito u.a.
117 Min. Peripher ab 19.5.05

Das Spiel von Liebe und Zufall

Von Frank Brenner Im Februar dieses Jahres gab es bei der César-Verleihung, dem französischen Pendant zu den Oscars, eine handfeste Überraschung. Ein kleiner Außenseiterfilm räumte vier der wichtigsten Preise ab und erlangte dadurch eine ungeahnte Aufmerksamkeit. Abdellatif Kechiches zweite Regiearbeit, L'Esquive, wurde als bester französischer Film, für die besten Regie- und Drehbuchleistungen sowie für die beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Es läßt sich zwar trefflich darüber diskutieren, ob Kechiche hiermit wirklich der französische Jahresbeste gelungen ist, der Mut des Regisseurs und schließlich der der Jury haben jedoch zweifellos Beachtung verdient.

In einem trostlosen Vorort von Paris spielt sich zwischen den immergleichen Wohnklötzen, den dürftigen Grünflächen und abseits der Unterrichtsstunden ein Liebesdrama ab, wie man es in einem solchen Milieu bislang selten gesehen hat. Die Kinder und Enkel der ostafrikanischen und muslimischen Einwanderer sind sozial schlecht gestellt, werden von ihrer Lehrerin aber an die Vorzüge klassischer französischer Bühnenstücke herangeführt. Vor dem Hintergrund der Proben eines Marivaux-Stückes kommt es zwischen Krimo und seiner Angebeteten Lydia zu einem ganz ähnlich gelagerten »Spiel von Liebe und Zufall«, in dessen Verlauf der Zuschauer Einblicke in eine ganz eigene Welt sozialer Kontakte mit scheinbar minderer Jugendsprache erhält, die Kechiche auf faszinierend authentische Weise gezeichnet hat.

Die zentralen Rollen in L'Esquive hat der Regisseur mit Laiendarstellern besetzt, die ihre Aufgaben aber derart professionell meistern, daß man diese Tatsache schon nach kürzester Zeit vergessen hat. Ebenso gelungen sind die Dialoge gestaltet, die Spontaneität ausstrahlen und ungekünstelt daher kommen, aber trotzdem auch niemals den unangenehmen Eindruck des Improvisierten erwecken. Das kann in den ersten Minuten trotzdem ganz schön anstrengend werden, da sich die Jugendlichen vorwiegend schreiend miteinander verständigen und sich immer wieder schnell in Rage reden und munter durcheinanderquatschen. Lubomir Bakchev unterstreicht diese Atmosphäre durch eine zittrige Handkamera, an die man sich gleichwohl erst noch gewöhnen muß. Hat man sich aber schließlich in den lauten, hyperaktiven Film eingefunden, bietet er seinen Zuschauern eine alltägliche Geschichte im Rahmen eines ungewöhnlichen Settings – das Einwanderermilieu der sozialen Konflikte, das bislang häufig für Kriminalitäts- und Rassismusdiskussionen herhalten mußte, ist hier nun der Hintergrund für eine realitätsnah und sensibel geschilderte Liebesgeschichte. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap