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L'auberge espagnole – Wiedersehen in St. Petersburg

Les poupées russes. F 2005. R: Cédric Klapisch. B: Barbara Constantine. K: Dominique Colin. S: Francine Sandberg. M: Loik Dury. P: Ce Qui Me Meut, Lunar u.a. D: Romain Duris, Audrey Tautou, Cécile de France, Kelly Reilly u.a.
125 Min. Tobis ab 3.11.05

Zwischen Chaos und heiler Welt

Von Maike Damm Die internationalen Charaktere der »L'auberge espagnole« sind uns aus dem Vorgängerfilm in ihrer Buntgemischtheit noch so präsent vor Augen, daß es anfangs schwer fällt, sie nun plötzlich außerhalb des studentischen WG-Chaos als eigenständige und im Berufsleben stehende Dreißigjährige zu akzeptieren. Schnell wird aber ersichtlich, daß in der Fortsetzung allenfalls die unbeschwerte Kulisse hinter den Darstellern durch eine seriöser anmutende ausgetauscht wurde – die Inhalte bleiben dem ersten Teil jedoch treu: Xavier, Martine, Wendy & Co puzzeln wie gehabt an ihren Lebenszielen und Idealen herum. Der endlose Versuch eines Xavier, Ordnung in sein heilloses Chaos zu bringen, die vehemente Abkehr von Perfektion und Absolutheit einer Wendy oder die unaufhaltsame Suche nach vollkommener Harmonie einer Martine sind die individuellen Probleme, die unter dem Dach der großen Sehnsucht nach wahrer Liebe zusammenwirken.

Wie auch im ersten Teil nimmt uns Protagonist Xavier an die Hand und führt uns Schritt für Schritt an das Wiedersehen in St. Petersburg heran, indem er aus dem Off mit vertrauter, ironiegetränkter Stimme episodische Auszüge aus seinem und dem Leben seiner Freunde kommentiert. Die Vielzahl an prägenden Lebensabschnittsgeschichten, die sich in den mittlerweile fünf vergangenen Jahren seit dem gemeinsamen Auslandsaufenthalt ereignet haben, verknüpfen sich im Laufe der satten 125 Minuten Film zu mehreren Handlungsketten. So wird nach Vorlage eines tabellarischen Lebenslaufs – nur eben in Bildern statt in Worten – jede Figur vorgestellt. Der Wiedererkennungseffekt für den Zuschauer ist groß, die Figuren scheinen vertraut und ihre Entwicklung authentisch. Cédric Klapisch bewegt sich mit der Beschreibung seiner Figuren nah an Charakterstudien. Getrennt voneinander läßt er die Akteure auf der Leinwand heranreifen und unterlegt ihr mehr oder weniger chaotisches Dasein in den Metropolen Europas durch technische Spielereien wie multiple Splitscreen-Einblendungen und Zeitraffer.

Das Chaos im Leben der Figuren wird immer wieder durch das Aufeinanderprallen von Ideal und Realität provoziert. Die These, daß die Abkehr vom Ideal und damit die Zuwendung zur Realität den entscheidenden Einstellungswandel einer Person darstellt, der das »Erwachsenwerden« impliziert, wird im Film immer wieder aufgestellt, die Entscheidung hinsichtlich ihrer Bestätigung aber offen gelassen.

Besonders Xavier und Martine befinden sich auf Missionen fernab von Realitätsbewußtsein in Richtung Ideal: der wahren Liebe in einer heilen Welt. Xaviers Gedanken umkreisen die Liebe als ein abstraktes Konstrukt, das es greifbar zu machen gilt. Wie ein Agent tastet er sich langsam heran, und Klapisch hinterlegt seine Bemühungen ironischerweise mit an James Bond-Soundtracks erinnernden Musikeinlagen.

Träume und Wunschvorstellungen, Gefühle und Bedürfnisse der Figuren wachsen zu einer Fantasiewelt zusammen, in die der Zuschauer szenenweise mitreisen darf. So verwandelt sich Martine am Kinderbettchen ihres Sohnes in eine Prinzessin inmitten eines Zauberwaldes, dessen Lianen und Verästelungen sich entsprechend ihrer Heile-Welt-Gute-Nacht-Geschichten um sie und das Kinderbettchen winden und ihren Sohn sanft auffangen und behüten.

Der Zufall, die Erinnerung oder der Job führen die Figuren während ihrer Missionen immer wieder zusammen, aber erst auf der finalen Hochzeit des Briten William im fernen Rußland verflechtet sich alle Handlung zu einem Gesamtbild, und damit ist unsere Europa-Reise beendet – wir kommen im Heute, Hier und Jetzt an – und das Wiedersehen groß. Unsere internationalen Freunde scheinen ein klein wenig erwachsener, auch wenn oder gerade weil ihre Ideale – in Form der Melancholie, die in Gedenken an unbeschwerte Barcelona-Zeiten über ihnen schwebt – weiterleben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute – irgendwo zwischen Chaos und heiler Welt. 1970-01-01 01:00

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