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L.A. Crash

USA 2004. R,B: Paul Haggis. B: Robert Moresco. K: Jim Michael Muro. S: Hughes Winborne. M: Mark Isham. P: Bull's Eye Entertainment, Stratus Film u.a. D: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon u.a.
113 Min. Universum ab 4.8.05

Maybe tomorrow

Von Patrick Hilpisch Ein Ensemblefilm fokussiert sich im Gegensatz zu anderen Genretypen nicht auf das Schicksal eines einzigen Protagonisten, sondern entfaltet seine Story anhand einer Gruppe von gleichberechtigten Charakteren. Er beleuchtet somit die ihm eigene Thematik nicht exemplarisch an einer zentralen Figur oder Storyline. Vielmehr ermöglichen das Nebeneinander verschiedener Handlungsstränge und der Zuwachs an Akteuren eine thematische Diversifikation oder aber Bündelung. Paul Haggis entscheidet sich in seinem Regiedebüt für die zweite Möglichkeit. Angesiedelt im multikulturellen Schmelztiegel L.A.s entspinnen sich innerhalb eines Zeitfensters von zwei Tagen acht Erzählstränge, die die Konsequenzen zwischenmenschlicher Zusammenstöße vor Augen führen.

In jeder einzelnen dieser Episoden begegnen sich fremde Menschen unterschiedlicher Herkunft mit impliziter oder expliziter rassistisch motivierter Angst und Verachtung. Haggis gelingt es, den Mechanismus der nahezu unweigerlichen Verhärtung solcher Intoleranzen schon zu Beginn seines Films pointiert darzulegen, wenn er zwei farbige Jugendliche eine engagierte Diskussion über das wahre Ausmaß der öffentlichen Diskriminierung und die vorschnelle Kriminalisierung von Afro-Amerikanern halten läßt und diese unmittelbar darauf als kriminelles Carjacker-Duo agieren läßt. Was hier zunächst als augenzwinkerndes Aufgreifen der Problematik daherkommt, wird im Laufe des Films als undurchdringlicher Teufelskreis entlarvt. Als ein schleichender Prozeß der Entfremdung und Entmenschlichung. Von scheinbar im Affekt dahergesagten rassistischen Äußerungen über willkürliche Polizeischikane bis hin zu den prekären »Race Issues« im administrativen oder politischen Bereich.

L.A. Crash ist eine filmische Meditation über den in Amerika alle Bevölkerungsschichten und ethnische Gruppen durchziehenden Fremdenhaß, in der Haggis mit einer solch unerbittlichen Stringenz vorgeht, daß es dem Zuschauer unmöglich wird, sich der Thematik zu entziehen. Die episodische Struktur bietet hierfür einen konvenablen narrativen Rahmen. Allerdings kann und will der Film keine Lösung der Problematik anbieten. Da er die extreme Verflechtung und negativen Rückkopplungseffekte mehr als deutlich ausbreitet, kann er »nur« den Anspruch erheben, die individuelle Wahrnehmung für diesen unhaltbaren Zustand schärfen zu wollen.

Doch es ist nicht die Brisanz der behandelten Materie, sondern die nahezu erdrückende Intensität, durch die der Film wirklich besticht. Diese verdankt sich zum einen der souveränen Drehbucharbeit und Inszenierung Haggis', der es versteht, die einzelnen Episoden auf intelligente und dramaturgisch effiziente Weise zu verschachteln und diverse überraschende Plottwists einzubauen.

Zum anderen lebt der Film vom großartigen Spiel des Schauspielensembles. Obwohl der relativ eng gesetzte zeitliche Rahmen des Films eine nuancierte Figurenzeichnung erschwert, gelingt es den Darstellern, ein glaubhaftes und – trotz aller Vorurteilzerfressenheit – menschliches Porträt amerikanischer Großstädter abzuliefern.

Momente der Gnade sind in L.A. Crash zwar rar und meist dem Zufall geschuldet, wirken dann aber wie ein Befreiungsschlag. Mit dem Song »Maybe Tomorrow« der Stereophonics setzt Haggis dann auch musikalisch einen leise optimistischen Schlußpunkt, läßt einen kleinen Hoffnungsschimmer in eine eigentlich verkorkste Welt. 1970-01-01 01:00

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