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Der Kuß des Bären

D/S/RUS/E/F/I 2002. R,B: Sergei Bodrov. B: Carolyn Cavallero. K: Xavier Perez Grobet. S: Mette Zeruneith. P: Pandora Film. D: Rebecka Liljeberg, Joachim Król, Sergei Bodrov Jr., Keith Allen u.a.
Pandora ab 11.12.03

Bodrovs bärenhaftes Tierleben

Von Tamara Danicic Am Anfang wie am Ende schweift der Blick der Kamera über die Weiten der sibirischen Wälder mit dem Gestus »Es war einmal, so ist es auch jetzt, und so wird es immer bleiben«. Erzählt wird ein pseudo-fellineskes Märchen für Erwachsene, das permanent zu verkünden scheint, daß das alles so poetisch sei, und dessen dramaturgische Fehlpässe selbst Kindern auffallen dürften. Lola bzw. ihre Eltern, die Zirkuskünstler Marco und Carmen, kaufen das verwaiste Bärenjunge Misha einem russischen Tierhändler ab; von der heranwachsenden Lola gehegt und gehätschelt wächst es im Zirkus zu einem gestandenen Tier heran.

Was nun eine Geschichte über die Einsamkeit des Vagabundendaseins und alternative Beziehungen hätte werden können, verquickt der russische Regisseur und Autor Sergei Bodrov indessen zu einer ziemlich hanebüchenen Lovestory zwischen dem jungen Mädchen und Misha, dem Froschkönig im Bärenfell. Ein sexueller Subtext wird schon recht früh eingeführt, da jedes Mal, sobald Lola sich dem Käfig nähert, auf der Tonspur das schwere Atmen des Bären anschwillt. Was man als Zuschauer zunächst noch für eine Wunschvorstellung hält, nämlich daß Lolas Haustier sich (dank der freundlichen Unterstützung von sibirischen Schamanen) eines Nachts in einen gut gebauten jungen Mann verwandelt, entpuppt sich schnell als wenig nachvollziehbare Realität. Von nun an springt Misha, dessen Gesicht tatsächlich etwas Bärenhaftes hat, je nach Tagesform zwischen den beiden Identitäten hin und her. Mal trägt er Hosen, mal läuft er pudelnackt durch die Landschaft, und mehr als einmal rettet er seine Prinzessin vor bösen Männern – bis ihm aufgrund eines tödlichen Tatzenhiebs, der die Vergewaltigung Lolas verhindert, die Rückkehr in den Menschenkörper verwehrt bleibt.

Ziellos tingelt der Film durch halb Europa, von Rußland nach Schweden, Deutschland, Spanien und wieder zurück in das nebelverhangene sibirische Waldland. Kommen Schweden und Deutschland als eher triste und farblose Orte davon, wird in Andalusien die komplette Batterie Olé-Klischees ausgepackt. Es wimmelt nur so von Flamencotänzerinnen, wahrsagenden Zigeunerinnen und stierkampfbegeistertem Publikum (selbst wenn der Stier durch einen Bären ersetzt wird). Da fallen die paar Freaks, zu denen der Zirkus-Restbestand degradiert wird, nicht weiter auf. Während in der Inszenierung der Zirkusnummern durchaus eine gewisse Magie Raum greifen kann, wird bei der Betonung des märchenhaft-mystischen Elements so Altbewährtes wie Vorhersehbares aus der Trickkiste geholt: Zeitlupen, Nebel, Shutter-Effekte, sphärische Musik. Wie es dieser schale »Bärenkuß« in den letztjährigen Wettbewerb in Venedig geschafft hat, bleibt wohl das ewige Geheimnis russischer Zauberpriester… 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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