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Kurt Gerrons Karussell

D 1999. R,B: Ilona Ziok. K: Jacek Blawut u.a. S: Christina Graff, Silke Regele, Erik Mischijew. D: Ben Becker, Bente Kahan, Ute Lemper, Max Raabe, Camilla Spira u.a.
65 Min. Salzgeber ab 8.4.99
Von Oliver Baumgarten Um eine Kleinkunstbühne versammelt sich eine kleine Schar betagter Zeitzeugen, den Liedern aus prominentem Munde Ute Lempers oder Ben Beckers lauschend, im Gedenken eines Mannes, der jeden von ihnen einst auf einer Lebensstation begleitete. In finsteres Licht getaucht intoniert auch Max Raabe auf seine authentisch blasierte und überartikulierte Art Lieder aus dem Karussell, Kurt Gerrons Kabarett in Theresienstadt.

Gerron hatte ab den 20ern in Meisterwerken wie Menschen am Sonntag oder Der blaue Engel agiert, kassenträchtige Ufa-Komödien inszeniert, sich als erster Interpret des Mackie-Messer-Songs unsterblich gemacht und bis zum Ende seine Liebe zum Kabarett gelebt. Als die Nazis 1933 die Macht ergriffen hatten, mußte Gerron dennoch, wie unzählige seiner eben noch verehrten Kollegen, die Emigration antreten, blieb jedoch in Europa. Waren USA-Exulanten wie Sig Arno, Wolfgang Zilzer oder Ludwig Stössel gezwungen, durch Nazi-Rollen das Gesicht derer zu bilden, die sie unter Mordandrohung vertrieben hatten, mußte der 1943 internierte Kurt Gerron die denkbar schändlichste Erniedrigung erdulden: Er wurde gegen Versprechen seines Lebens dazu getrieben, als sein Vermächtnis den Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt zu drehen. Wenige Monate später wurde der so in die Knie Gezwungene in Auschwitz ermordet.

Regisseurin Ilona Ziok setzt in ihrem Tribut weniger auf Fakten, als auf die Atmosphäre von Bildern, Texten und Melodien. Die zum Teil brettharten Schnitte zerstören hier und da diese Stimmung, und in solchen Momenten kommt schnell der Wunsch auf nach gründlicherer Untertitelung oder der eindeutigen Benennung von Filmausschnitten. Zioks Entscheidung allerdings, die von ihr interviewten Bekannten von Gerron einen gemeinsamen Abend erleben zu lassen und dieses Beisammensein als Basis des Films zu nutzen, stellt sich als ergreifende Idee heraus, die ihr Werk zu einer dankbar persönlichen Würdigung erhebt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #14.
© 2012, Schnitt Online

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