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Kubanisch Reisen

Lista de espera. E/CUB/F/MEX 2000. R,B: Juan Carlos Tabío. B: Arturo Arango, Senel Paz. K: Hans Burmann. S: Carmen Frías. M: José María Vitier. P: Tornasol u.a. D: Vladimir Cruz, Thaimí Alvarino, Jorge Perugorría, Saturnino García u.a.
106 Min. Senator ab 10.8.00
Von Thomas Warnecke »Warteliste« heißt der spanische Originaltitel im Deutschen, doch weil sich von solch einem Titel wohl keiner ins Kino locken läßt und alles, was nur entfernt mit Latino zu tun hat im Moment schwer in Mode ist, heißt der Film jetzt Kubanisch Reisen. Dabei geht es, wenn auch unfreiwillig, ums Warten, und zwar auf den Bus, der die Personen aus der Kleinstadt nach Havanna bringen soll. Der ist aber kaputt, andere Busse sind schon vollbesetzt, und so wird die Busstation für eine Nacht zur Heimat für das Ensemble aus Jungen und Alten, einem Blinden und einem Ehepaar, das miteinander ebensowenig zu verbinden scheint wie mit den anderen Reisenden.

Langsam erhält so der deutsche Titel einen kleinen kritischen Unterton: Reisen heißt in Kuba eben vor allem warten. Aber nein, es sind alles wahre Sozialisten, die das Schicksal dort zusammengebracht hat, und so opfern sie sich auf fürs Kollektiv, entdecken die wunderbare Wirkung der Solidarität und machen mit vereinten Kräften aus dem verfallenen Wartesaal eine Art Musterkolchose und zwingen den unsolidarischen Geizhals, seine wohlgehüteten Hummervorräte für das gemeinsame Festessen herauszurücken.

Außerdem gibt es noch eine Liebesgeschichte, der Blinde kann wieder sehen, und wenn es nicht gerade Nacht ist, scheint über den rührenden Kubanern die strahlende Sonne Westindiens. Und so, wie die Figuren des Films, wartet auch der Zuschauer nicht mehr darauf, daß in dieser Idylle noch irgend etwas Entscheidendes passieren könnte, und als dann doch noch was passiert, ist es eh zu spät, um noch kubanisch zu reisen. Zu lang und gelegentlich auch -weilig ist der Film, um jenseits eines gewissen Genusses an freundlicher Berieselung mit herzensguten Menschen und Geschichten wirklich zu unterhalten, der wenige Humor der Ausgangssituation wird mehr und mehr von Gutmütigkeit bis zur Sentimentalität verdrängt.

Vor einiger Zeit war in wenigen deutschen Kinos zu sehen, wieviel Witz und politische Satire man in einem sogenannten Entwicklungsland dem öffentlichen Personennahverkehr abgewinnen kann, als ein buntbemalter senegalesischer Bus mit dem titelgebenden ironischen Namen »TGV« über die Leinwand rollte. Regisseur Moussa Touré hatte beherzigt, daß Film eben in erster Linie von Bewegung lebt und nicht von Stillstand. In diesem Zusammenhang ist es dann doch ganz witzig, daß eine der fünf beteiligten Produktionsfirmen die »Road Movies Filmproduktion« von Wim Wenders ist, der unter anderem Filme gemacht hat, die Falsche Bewegung (1974), Im Lauf der Zeit (1975) und Der Stand der Dinge (1982) heißen. Rührt euch! 1970-01-01 01:00
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