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Kroko

D 2003. R,B: Sylke Enders. K: Matthias Schellenberg. S: Frank Brummundt. M: Robert Philipp. P: Luna Film. D: Franziska Jünger, Alexander Lange, Hinnerk Schönemann, Danilo Bauer u.a.
96 Min. Ventura ab 4.3.04

Radikale Kopfidee

Von Christoph Pasour Es wird den Filmstudenten von einer ganzen Generation Filmemacher eingebläut, die aus dem sperrigen Autorenfilm der 70er Jahre ihre Konsequenzen gezogen haben: Erzählt Geschichten, die etwas mit eurem Leben zu tun haben! Deshalb dürfen wir uns seit Jahren beim Erwachsenwerden auf der Leinwand zusehen. Ohne Zweifel ist das eine Erfolgsgeschichte, die höchstens das Bedauern aufkommen läßt, daß Leidenschaft und Überzeugungskraft des deutschen Films meist nur hier aufblitzen.

Wenn die Generation »um die 30«, wie zu hören ist, das Erwachsensein tatsächlich auf unbestimmte Zeit verschoben hat, dann würde es also durchaus unsere Lebenswirklichkeit spiegeln, wenn sich der »junge Film« thematisch in der Familie als letztem Schlachtfeld oder im Prozeß jugendlicher Selbstfindung einrichtet. Und dort ist auch Sylke Enders' Debütfilm Kroko zu finden.

Kroko ist eiskalt und unnahbar, eine Femme fatale der Hinterhöfe. 16 Jahre, blond und Königin ihrer Clique, deren Mitglieder sich auf den Straßen Berlins herumtreiben. Franziska Jünger ist Kroko, und man muß Enders bei dieser Besetzung einen sehr exakten Blick für ihr angepeiltes Milieu bescheinigen. Jünger ist schön und eine Spur vulgär. Ihr Gesicht zeigt Facetten einer Verletzlichkeit und ist doch Maske eines ständigen Kampfes um Kontrolle und Respekt. Wenn Kroko hinter Schminke, Lippenstift und Wimperntusche verschwindet, gelangweilt die Augenlider senkt, dann spiegelt sie das Dilemma ihrer ganzen Clique wider.

Eddie, Rolle und die anderen haben keinen Bock auf Schule und Ausbildung und wissen nicht, wohin sie eigentlich wollen. Sie inszenieren sich zwischen graffitibeschmierten Höfen und zweitklassigen Diskotheken als Ghetto-Kids. Entspannt rumhängen, Sprüche klopfen und für die Party den Alkohol aus dem Laden klauen. Kurz: das lädierte Ego lässig aufpolieren.

Kroko allerdings manövriert sich immer weiter in die Isolation. Ihre Maskerade ist aufgesetzt und fast unbeholfen. Und doch spürt man eine ungeklärte Verzweiflung, die ihrem unterkühlten Spiel eine beängstigende Härte gibt.

Während die Mutter angesichts Krokos Eiseskälte resigniert, hofft man anfangs noch auf Krokos Freund Eddie. Er zumindest bietet ihr die Stirn, zeigt ihr Grenzen auf, was sie vielleicht zurück auf den Boden holt. Das mündet jedoch in einen Kampf um Selbstbehauptung, bei dem irgendwann der Weg in eine normale Beziehung verbaut ist. Bis sie schließlich ihre nächtliche Wahnsinnsfahrt mit dem Auto, bei der ein Fahrradfahrer verletzt wird, vor Gericht bringt. 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einem Heim für Behinderte.

Eine wunderbare Wendung, wie Enders Krokos rotzige Coolness, ihre frostigen Sprüche und legeren Gesten hier völlig ins Leere Laufen läßt. Die Königin hat hier nichts zu melden. Daß die Begegnungen mit den Behinderten letztlich diese Kunstfigur Kroko zerbricht und ihre Verletzlichkeit offen legt, das ist abzusehen. Daß sie damit ihren Status in ihrer Clique verlieren wird und den Rückweg in ihr altes Leben verbaut ist, ebenfalls.

Diese Vorhersehbarkeit schadet dem Film allerdings nicht, denn die Figur der Kroko, die Regisseurin Enders selbst als »Kopfidee« bezeichnet, ist derart radikal angelegt, daß ihre Entwicklung beinahe parabelhafte Deutlichkeit gewinnt. Die Erlösung von ihrer Maskerade ist ein klar vorgezeichneter Weg. Daß der Film aus einem Kurzfilm entwickelt wurde, bleibt jedoch spürbar. Dem Kurzfilmformat kommt die einfache, klar abgezirkelte Geschichte sehr entgegen. Aber gerade mit einer derart spröden und verschlossenen Protagonistin hätten die 96 Minuten von einer dichteren und prägnanteren Inszenierung profitiert. In der Flüchtigkeit des Kamerablicks und Offenheit der Szenen schlägt die erhoffte Unmittelbarkeit bisweilen um in Distanz dem Geschehen gegenüber. 1970-01-01 01:00
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