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Krámpack

E 2000. R,B: Cesc Gay. B: Tomás Aragay, Jordy Sanchéz. K: Andreu Rebés. S: Frank Gutiérrez. M: Joan Díaz, Jordi Prats, Riqui Sabates. P: Messidor Films. D: Fernando Ramallo, Jodi Vilches, Marieta Orozco, Esther Nubiola, Chisco Amado u.a.
90 Min. Pro-Fun ab 31.10.02

Handarbeit

Von Diego Lerer Wahrscheinlich wäre die Welt ein besserer Ort, wenn es mehr Filme wie Krámpack gäbe und jeder Regisseur sich vornähme, eine Geschichte mit so viel Zärtlichkeit, Gefühl und Wahrheit zu erzählen wie in diesem Fall Cesc Gay. Die Filmbranche wird von so viel Betrug regiert, von hohler Falschheit und unmöglichem Schein, daß es wohl nur wenige Filmemacher gibt, die sich trauen würden, die Hölle der Konflikte pubertierender Jugendlicher, die in diesem Film dargestellt wird, mit so viel Leichtigkeit im Ton, einer solchen narrativen und ästhetischen Stringenz und einem solch großen Maß an Gefühl für seine Figuren zu schildern wie Gay.

Es gibt in diesem Film nicht eine falsche Note, nicht einen Satz oder gar Ausdruck, der in faszinierenden 90 Minuten deplaziert wirkt. Und selbst wenn man versuchen würde, den Plot mit seinen vielen potentiell melodramatischen, gar tragischen Bestandteilen kurz zusammenzufassen, könnte man niemals die Frische schildern, die der Film offenbart. Fast wie Eric Rohmer – jedoch mit einer sexuellen Offenheit, die jene des französischen Filmemachers um Längen überragt – erzählt uns Gay eine Initiationsgeschichte, eine Fabel über den letzten Sommer unseres Lebens, in dem wir die waren, die wir waren und plötzlich andere wurden.

Krámpack erzählt die Geschichte von Nico und Dani, zwei Freunden um die 16, die einen Sommer in Danis Strandhaus ohne Anwesenheit der Eltern verbringen. Natürlich gibt es da noch zwei Mädchen: Elena, die sich für Nico interessiert, und Berta, die sich eher von Dani angezogen fühlt. Das Problem besteht nun darin, daß, obwohl Nico Elenas Interesse erwidert, Dani sich eher für … Nico interessiert.

Das ist die Grundlage für eine lustige Geschichte, die dazu dienen soll, die Verwirrung der Gefühle, die sexuelle Ambiguität und die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens ins Spiel zu bringen. Irgendwann taucht noch ein Freund der Familie auf, ein Schriftsteller, den Dani – der von sich behauptet, selbst gerade an einem Buch zu arbeiten – bewundert und mit dem er sich auf der Suche nach neuen Erfahrungen sexuell einlassen wird.

Die Krise und die sexuellen Entdeckungen Danis, die diskrete Art und Weise, in der Nico trotz der Verwirrung um die Annäherungen seines Freundes die Freundschaft aufrechtzuerhalten versucht, die Reaktionen der Mädchen und der Erwachsenen, die durch die Geschichte kreisen, formen die verschiedenen Eckpunkte, die Gay – in unverbesserbarer Form ein Theaterstück von Jordi Sanchez adaptierend – setzt. Das Wunderbare ist, daß er niemals dazu neigt, dem Film ein dramatisches Pathos aufzuladen, niemals die an sich komplexen Vorgänge mit unnötigen Reflexionen unterstreicht und den Stoff auch nicht anhand verklärender Nostalgie angeht. Die Entscheidung, die würdig eines Rohmer ist, eines Filmemachers, der mit leichter Feder die Ambiguitäten und Widersprüche des Lebens zelebriert, ist die, die Geschehnisse von einem neutralen, diskreten, oberflächlichen Blickwinkel zu porträtieren und aus diesem Porträt eine universelle Erfahrung zu schaffen, die von vielen geteilt werden kann.

Die Metapher des Films ist die des Krámpack, eine Form der gemeinsamen Masturbation, die von Dani und Nico praktiziert wird und die für eine Etappe im Leben steht, in der die Geheimnisse und die Neugierde das Schicksal eher bestimmen als die Sicherheiten, die mit dem Erwachsenendasein einhergehen. Krámpack gelingt das kleine Wunder, ein erwachsener Film über die Jugendzeit zu sein; ein Film, der wie ein frischer Windhauch über das Gesicht weht, wie einer von denen, die uns in jenem Moment am Strand berühren, bevor die Dunkelheit einsetzt. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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