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Kopfgeld

Ransom. USA 1996. R: Ron Howard. B: Richard Price, Alexander Ignon. K: Piotr Sobocinski. S: Dan Hanley, Mike Hill. M: James Horner. D: Mel Gibson, Gary Sinise, Rene Russo, Lili Taylor.
120 Min. Buena Vista ab 2.1.97
Von Hasko Baumann »Kennen Sie eigentlich den Film Die Zeitmaschine?« wird Mel Gibson von Gary Sinise, dem Entführer seines kleinen Sohnes, am Autotelefon gefragt, als Gibson sich gerade auf dem Weg zur Lösegeldübergabe befindet. Als der verzweifelte Vater konsterniert verneint, erzählt Sinise ihm von den zwei Völkern, die Rod Taylor auf der Erde der Zukunft entdeckt; von den Eloi, die in naiver Zufriedenheit und Harmonie untätig in den Tag leben, und den Morlocks, die unter der Erdoberfläche erst den Lebensstandard der Eloi ermöglichen, diesen aber vollkommen gleichgültig sind, da schon deren körperliche Deformiertheit ihrer eigenen geistigen Degeneration entgegensteht. Aber, so Sinise zu Gibson, die Morlocks sind Kannibalen. Und ab und zu kommt ein Morlock an die Oberfläche und frißt einen Eloi.

Tom Mullen (Gibson) ist ein Eloi. Der Fluglinienboß, der in seinem sündhaft teuren Penthouse in der ersten Szene des Films gerade eine exklusive Party schmeißt, ist stolz auf das, was er erreicht hat. Jimmy Shaker (Sinise) ist der Morlock, ein zutiefst unzufriedener Polizist, der mit einigen weniger cleveren Komplizen Mullen um zwei Millionen Dollar erleichtern will und deshalb eine ausgeklügelte Kindesentführung arrangiert. Jimmy Shaker stürzt sich auf Mullen, um ihn zu fressen.

Im Gegensatz zu Johnny Depps Rolle in John Badhams diesjährigem Kindesentführungsthriller Nick of Time, der amüsanter, aber auch oberflächlicher ausfiel, wird Mullen keineswegs seiner Unschuld wegen ausgewählt. Jimmy Shaker ist davon überzeugt, daß der Industrielle sich auf das Spiel einlassen wird, weil dieser schon einmal ein geschäftliches Problem mit Schmiergeldern aus der Welt geschaffen hat. Mullen wird zahlen, da ist er sich sicher; Mullen wird den Schein wahren, er wird den einfachen Weg gehen. Er wird die Maske des integren Geschäftsmannes nicht abnehmen.

Doch schon zu Beginn des Films werden wir Zeuge ständiger Demaskierungen: Auf der Party läuft der neueste Werbespot Mullens, der sich hauptsächlich um ihn dreht und den er augenzwinkernd »Everything changes… sort of« beendet; später, nachdem er eine unangenehme Angelegenheit bezüglich seiner Schmiergelder am Rande der Party erzürnt ertragen mußte, geht er zu seinem Sohn, der sich gerade die Fehler, die sein Vater beim Dreh des Spots gemacht hat, auf Video ansieht. Parallel dazu wird uns Jimmy Shaker als eifriger und verständiger Cop vermittelt, der auch schon mal Kollegen davon abhält, einen schwarzen Verdächtigen zu mißhandeln.

Als Shakers Maske fällt und er sich als eisenharter Anführer der Kidnapper entpuppt, sind wir überrascht. Als Mullens Maske fällt, ist besonders Jimmy Shaker überrascht. Nach der vollkommen mißlungenen ersten Lösegeldübergabe geht Tom Mullen mit den zwei Millionen Dollar live ins Fernsehen und verkündet, er werde nicht zahlen; ganz im Gegenteil setze er jetzt die gesamte Summe als Kopfgeld aus. Shaker ist entsetzt: Mullen hat eine Wiedergutmachung seiner eigenen Fehler völlig mißverstanden und ersetzt Moral durch Wahnsinn; seine Aktion versetzt seine Frau, das FBI, die Entführer, praktisch die ganze Nation in Fassungslosigkeit.

Diese Handlung wäre noch nachvollziehbarer gewesen, hätte man auf Rene Russos Rolle als Ehefrau verzichtet. Russo, die eh in jedem Film aussieht, als hätte man ihr Kind entführt, hat hier nicht mehr zu tun als, komme was wolle, zu ihrem Mann zu halten; Gibsons Rolle hätte die eines Witwers sein sollen, der in der Angst, ein weiteres Familienmitglied zu verlieren, zu Verzweiflungsaktionen greift. Rene Russo jedoch bremst den Film permanent aus. Das ist insofern tragisch, als daß die Interpretation Tom Mullens durch Mel Gibson und Ron Howard erstaunlich ambivalent ausfällt, insbesondere im hochinteressanten Vexierspiel mit der faszinierenden Kälte des bemerkenswert zynischen Gegenspielers Jimmy Shaker, dessen herausragende Darstellung durch Gary Sinise den Film schon allein sehenswert macht.

Ein derart spannender Konflikt war von Familienfilmer Howard nicht zu erwarten, ebensowenig die krasse, realistische Brutalität des Films. Die Umsetzung von thrill jedoch entspricht gelegentlich den Befürchtungen, etwa in der ungelenk inszenierten ersten Lösegeldübergabe. Mel Gibson hingegen hat hier nach seinem Oscarsegen den klugen Karriereschritt getan, für den Tom Hanks scheinbar zu dumm ist: Ein Thriller, den er aufgrund des packenden Aufhängers nicht allein tragen muß und der auch noch die Neuverfilmung eines alten, starken Drehbuchs (Menschenraub, 1956) darstellt, wird seinen Status nur festigen.

Dem wahnwitzigen Schritt Mullens, eine Hetzjagd auf seinen Widersacher auszurufen, entspricht die emotionale Reaktion der Komplizen Shakers. Schon zuvor zeigen sie Schwächen, als sie sich allzusehr dem entführten Kind widmen. Jimmy Shaker jedoch verwandelt seine Überraschung in Zorn, der fortan seine weiterhin kühlen Überlegungen leitet, deren brutale Umsetzung mehr überzeugt als das wütende Gestolper Mullens. So verspricht er diesem für eine Konfrontation »You'll know it's Jimmy Shaker day.« Da es am Ende des Zweikampfs für Mullen und Shaker nicht mehr wirklich um das Geld oder das Kind geht, sondern nur noch darum, den anderen zu überwinden, vielleicht sogar die eigene Gesellschaftsform zu verteidigen, ist der Showdown zwischen Eloi und Morlock unvermeidlich.

Die unverschämt abgedroschene Auflösung desselben enttäuscht jedoch angesichts moralischer und sozialer Fragen, die der Film zuvor stellte. Bezüglich der dramatisch zugespitzten Haßgefühle der Antagonisten scheint das in schwarzweiß gefilmte Ende aber auch logisch. Winning isn't everything… it's the only thing. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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