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Komm näher

D 2006. R: Vanessa Jopp. B: Stefan Schneider, Adrienne Bortoli. K: Rainer Klausmann. S: Brigitta Tauchner. M: Loy Wesselburg. P: K5 Filmprod. D: Meret Becker, Stefanie Stappenbeck, Marek Harloff, Fritz Roth u.a.
104 Min. Piffl ab 16.3.06

Kampf aus dem Jammertal

Von Daniel Bickermann Es gibt Momente, da sehnt man sich zurück zur oft verdammten Spaßgesellschaft der 90er, als man noch nicht den Eindruck hatte, Deutschland würde ausschließlich aus Sozialhilfeempfängern, Niedriglohnarbeitern und kontaktgestörten Paranoikern bestehen, die in dunklen, schimmligen und mies möblierten Altbauzimmern hausen.

Vanessa Jopps neuer Film fällt in eines der derzeit nervigsten Genres des jungen deutschen Films – es ist ein Sozial- und Beziehungsdrama geworden, voller Beschwerlichkeiten und grimmer Hoffnungslosigkeit. Figuren begegnen sich nicht, sie kollidieren sprichwörtlich miteinander oder kollabieren übereinander, keiner hat einen stabilen Stand in diesem Leben (dazu passend wurde bei der obligatorischen DV-Kamera aufs Stativ verzichtet), und wenn zwei Instabile versuchen, sich gegenseitig zu stützen, dann klappt das natürlich auch nicht. Zudem fällt alles so schwer, jede Bewegung strengt an, nichts will gelingen, irgendwas drückt oder ärgert immer, alle fühlen sich von abstrakten Gewalten unter Druck oder unterdrückt, deswegen tun sie sich erst gegenseitig weh und dann sich selbst. So weit, so vorhersehbar.

Vanessa Jopps Qualität als Regisseurin muß es sein (und ist es), dieses Genre zu transzendieren. Und tatsächlich: Statt die immer gleichen »Alles scheiße«-Haltungen nachzustellen, nimmt sie (und, wichtiger noch: auch ihre Schauspieler) ihre Figuren ernst als reale Menschen mit tiefgreifenden Problemen. Paradoxerweise führt das bei allem Low-Budget-Look dann zu beinahe episch anmutenden Szenen – einem langen, erschütternden Zusammenbruch der erneut beeindruckenden Stefanie Stappenbeck beispielsweise oder einer traurigen Komposition eines Ehepaares im morgendlichen Gegenlicht. Wenn die verbalen Streitereien vorbei sind, kann der Film endlich seine Stärken ausspielen, die in den wirklich tiefgreifenden Handlungen stecken, die keiner oder nur weniger Worte bedürfen. In den Momenten, da es gelingt, solche Konkretheit dem Zuschauer zu vermitteln – und es gelingt nicht immer, aber überraschend oft – in solchen Augenblicken schafft Komm näher es tatsächlich, anrührendes, bewegendes Kino der gehobenen Klasse zu sein. Deprimierend an vielen Stellen, sicherlich, aber auch immer wieder mit einem Schuß Galgenhumor, Hoffnung oder gar Selbsterkenntnis.

Aber erst müssen die Figuren von Komm näher natürlich noch Bequemlichkeiten der Spaßgesellschaft ausprobieren und für unausreichend befinden: Der Sex auf dem Behindertenklo ist dröge und traurig. Radio und Fernsehen nerven mit Rentner-Grüßen, die sogar den Sprecher langweilen, und Nachrichten, die sogar die Sprecherin deprimieren. Selbst das gute alte Besäufnis, die letzte Bastion der bundesdeutschen Belustigung, bietet nur kurzfristig Abwechslung von der miesen Stimmung im Land. Statt dessen herrscht Konfrontation und Eskalation, keiner hört mehr zu, und keiner kann mehr wirklich reden – bei solch harschen Vorgaben braucht man, um nicht ins Gejammer abzurutschen, ein herausragendes Ensemble und ein grandioses Drehbuch. Ersteres ist zweifelsfrei vorhanden, von dem herrlich verhuschten Fritz Roth bis zur hinreißenden Meret Becker, die kämpferisch und trotzig wie eh und je spielt, aber schon lange nicht mehr auch so charmant und zerbrechlich sein durfte. Was das Drehbuch anbelangt, so schadet der halb-improvisatorische Ansatz dem Film an einigen Stellen – eine Eskalation ist eben mehr als nur ein gegenseitiges Niederschreien mit Nulltoleranz und immer größeren Beschimpfungen, da kurven manche Dialoge beängstigend nah am Abgrund der Unglaubwürdigkeit.

Glücklicherweise müssen aber weder die Regisseurin noch ihre durchweg hervorragenden Schauspieler oder die Zuschauer ewig im Jammertal herumirren – die Figuren entwickeln sich schließlich oder ziehen doch wenigstens ihre persönlichen Konsequenzen aus den andauernden Konflikten. Manche finden sogar ihren Humor wieder, erkennen sich und andere und suchen endlich einen Weg aus der Misere. Und daß sowas noch geht, das gibt doch Hoffnung. 1970-01-01 01:00
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