— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Kombat Sechzehn

D 2005. R,B: Mirko Borscht. B: Jana Erdmann. K: Alexander Fischerkoesen. S: Markus Schmidt. M: Alexander Istschenko. P: credofilm. D: Florian Bartholomäi, Falk Rockstroh, Ludwig Trepte, Max Mauff u.a.
96 Min. credoverleih ab 9.6.05

Taekwando im Abendlicht

Von Franziska Heller Kombat Sechzehn ist in jeglicher Hinsicht ein gemischter Film. Er bedient sich Lieblingsthemen des deutschen Films und seiner Klischees und verbindet dies doch mit einem ungewöhnlichen Storymotiv, das den Film zunächst wie eine Ossi-Karate-Kid-Version aussehen läßt: Ein sechzehnjähriger Wessi zieht von Frankfurt am Main in die gleichnamige ostdeutsche Stadt an der Oder. An die zurückgelassene Freundin erinnert nur noch eine selbstgebastelte Lampe. Das Elend ist für Georg erst richtig perfekt, als er feststellt, daß es im neuen, orangenen Musterhaus keinen Trainingsraum gibt, wo er seine Taekwando-Übungen machen kann.

Diese Leidenschaft für asiatische Kampfkunst wird noch oft im Film abgerufen werden und macht zu einem großen Teil den bizarren Touch des Films aus. Zunächst muß der Teenager sich in der neuen, asozialen Schule, wo alle Schüler sich mit »Wichser« anreden, Respekt verschaffen. Dies geschieht natürlich in einer nachmittäglichen Schlägerei unter Jungs. Georg zeigt dem Wortführer Thomas und seinen Bulldoggen Reiko und Philipp mit seinem Taekwando gehörig, wo es langgeht. Thomas, blutüberströmt, befindet daraufhin, daß Georg würdig sei, »rekrutiert« zu werden. Hier beginnt dann die noch in der ostdeutschen Tristesse fehlende Rechtsradikalen-Problematik des Films. Doch so krude die Mischung zunächst wirken mag – Teenagerprobleme, Ostdeutschland, Rechtsradikalismus und Taekwando-Leidenschaft – in manchen Momenten entwickelt Kombat 16 einen Sog und eine Feinfühligkeit für Ursachen und Ambivalenzen des Mitläufertums, die nicht unerwähnt bleiben sollten.

An manchen Stellen zeichnet der Film in den Anlagen der Charaktere jene Grauzonen, die es so schwer machen, Faschismus und seine Phänomene zu erklären. Vor allem die Entwicklung der Freundschaft von Thomas und Georg legt viele Facetten offen. In ihr ist Thomas eben nicht nur ein dumpfer, parolendreschender Kamerad, der ein Rekrutierungsopfer sucht, sondern in ihr findet auch Thomas' emotionale Haltlosigkeit einen Ausdruck und einen Ort. Allerdings vermittelt sich diese Ebene bizarrerweise in der gemeinsamen Leidenschaft für Taekwando. Für Georg kann hier dann mehr oder weniger schleichend der Rechtsruck Einzug halten, weil sich bei ihm die alltäglichen Teenagerprobleme mehren; nicht nur seine Freundin betrügt ihn, es ist vor allem der Vater, der fast ausschließlich für seine Arbeit an dem Bau eines deutsch-polnischen Einkaufszentrums lebt, der ihm das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit im Leben vermittelt. Deshalb fängt Georg nach anfänglicher Weigerung an, mit die Plakate der Nationalen gegen das Einkaufszentrum zu kleben. Als Obernazi Daniel (als Gast: Matthias Schweighöfer) ihm ein Lob für seinen Gesinnungswandel ausspricht, wehrt sich Georg: »Es ist was Persönliches.« Daniel antwortet daraufhin: »Deutschland ist was Persönliches.« Der Film schafft mit solchen Passagen tatsächlich den Brückenschlag von alltäglichen Problemen von Teenagern zu der Zuwendung zu rechtsradikalen Gruppen.

Dennoch wohnt Kombat Sechzehn oft ein »zu viel« inne. Wenn Thomas ausrastet und seine »persönliche« Geschichte erzählt, warum er ein Asylantenheim abgefackelt hat, wird dieser Ausraster nicht pointiert dosiert, sondern der durchdrehende Teenager schreit sich peinlich lange die Seele aus dem Leib, bis er in die Arme seiner herbeieilenden Mutter sinkt. Auch erscheint das rechtsradikale Fußvolk stets als dumpfe, biersaufend rumlungernde Männermeute. Viele Bilder des Films sind farblich und kompositorisch sinnreich in sich abgestimmt: Taekwando-Training mit dem sozialpädagogischen Trainer auf einem Mohnfeld im warmen Abendlicht oder die nationale Verbrüderung von Thomas und Georg – natürlich mit dem obligatorischen Alkohol (diesmal Wodka) – zwischen zwei bürgerlichen Backsteinhäusern vor einem Denkmal mit Adlerflügeln.

Doch diese Stilisierung greift dann aber auch letztendlich auf bewährte Verfahren zurück. Je mehr sich Georg der Clique anpaßt und Aggressivität und Gewalt zunehmen, desto körniger und wackeliger werden die Bilder – bis hin zu der finalen Prügelszene, in der sich Thomas und Georg letztendlich doch als Gutmenschen outen und versuchen, ein unschuldiges Opfer zu retten. Die an American History X erinnernde Szene wirkt in ihrer Länge und räumlichen Ausweglosigkeit so gewalttätig und brutal, daß man dem Film fast schon richtig dankbar ist, daß er diese Brutalität nicht mit der letzten, tödlichen Konsequenz beendet, sondern einen rosaroten Kitschschwenk macht: Georg und Thomas treffen sich nach einem Krankenhausaufenthalt als Freunde beim Taekwando-Training. Sie sind jetzt wohl nicht mehr rechts. Der Film verschleiert hier die von ihm aufgeworfenen Probleme und setzt an die Stelle der Hilflosigkeit gegenüber der Wirklichkeit einfach das sinngebende Mantra des Taekwando. Der Regisseur ahnte diesen Widerspruch wohl: Er läßt am Ende distanzierend einen Theatervorhang fallen. Der Zuschauer sitzt dann davor und schwankt zwischen Ergriffenheit und Kopfschütteln. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap