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Königreich der Himmel

Kingdom of Heaven. USA 2005. R: Ridley Scott. B: William Monahan. K: John Mathieson. S: Dody Dorn. M: Harry Gregson-Williams. P: Fox, Scott Free. D: Orlando Bloom, Eva Green, Jeremy Irons, David Thewlis, Brendan Gleeson u.a.
145 Min. Fox ab 5.5.05

So konventionell wie möglich

Von Holger Liepelt Was für eine Karriere! In Ridley Scotts Black Hawk Down plumpste Orlando Bloom nach drei Sätzen und zwanzig Minuten aus dem Hubschrauber. Mit gebrochenem Rücken verschwand er in einem Krankenwagen und aus dem Film. In Scotts jetzt folgendem Kingdom of Heaven wirken Liam Neeson, Jeremy Irons oder Edward Norton mit, aber nicht ihre Namen sind es, die die Säle füllen sollen, nein, über dem Titel steht allein »Orlando Bloom«. Ein erstaunlicher Aufstieg, der zum einen Blooms guter Nase für Kassenhits zu verdanken ist, zum anderen dem Wandel des Männlichkeitsbildes im Hollywoodkino, für das er mit seinem androgynen Aussehen prototypisch steht – entsprechend wurde er bisher auch besetzt. Die Folge dieser Turbokultivierung seiner persona im Blockbustertreibhaus ist eine gewisse schauspielerische Profillosigkeit, die sich für Kingdom of Heaven aber als Vorteil erweisen soll.

Blooms Charakter Balian, ein Schmied aus einem französischen Dorf, reist zur Zeit der Kreuzzüge nach Jerusalem, um vom Niemand zum Grundbesitzer und Großbauern aufzusteigen, um zum Geliebten der Königsschwester und späteren Königin zu werden und um als derjenige Feldherr und Taktiker in die Geschichte einzugehen, der Jerusalem zumindest so erfolgreich gegen die übermächtigen Sarazenen verteidigen konnte, daß den Christen ein sicherer Rückzug nach Hause gewährt wurde. Dabei erweist sich Balian als charakterliches Chamäleon: Für jede Eskalation seiner Bedeutsamkeit entwickelt er aus dem Nichts Fähigkeiten, die ihn jede Position, die er einzunehmen gezwungen ist, geradezu genialisch meistern läßt.

Diese wundersame Anpassungsfähigkeit ist symptomatisch für diese Form des (neuen) historischen Epos, eine Folge der immer noch fortschreitenden Effizienzsteigerung der Erzählung in Hollywoodfilmen: Die Komprimierung der erzählten Zeit innerhalb der einzelnen Episoden des Films ist so stark, daß, obwohl die einzelnen Handlungselemente logisch ineinandergreifen, ein glaubhafter zeitlicher Rahmen nicht mehr herzustellen ist. Diese übermäßig beschleunigte Erzählung läßt einer zufriedenstellenden Entwicklung der Figuren keinen Raum mehr, worunter auch Kingdom of Heaven merklich leidet. Scott versucht diesem Mangel an Glaubwürdigkeit vorzubeugen, indem er Balian nicht als Charakter, sondern als Leerstelle einführt. Gleich zu Beginn des Filmes trägt Balian zusammen mit seiner Familie seine Vergangenheit und damit seine Persönlichkeit zu Grabe. Danach steht er als Figurenhülle da, die bei passender Gelegenheit mit den gerade benötigten Eigenschaften ausgefüllt werden kann. Und so ist Orlando Bloom als Verkörperung Balians eine durchaus geschickte Wahl, deckt sich doch die Unbestimmtheit der Figur mit der Profillosigkeit des Schauspielers.

Da diese Unstimmigkeiten in der Erzählweise jedoch in vielen aktuellen Filmen zu finden ist, kann man Kingdom of Heaven lediglich vorwerfen, sie nicht geschickter gelöst zu haben. Viel schwerwiegender ist eine weiteres Merkmal der neuen Epen, die sich bei Kingdom of Heaven als besonders penetrant zeigt: Alle Figuren reden in jeder Szene in tiefsinnigen Aphorismen aneinander vorbei statt echte Dialoge zu führen. So wird jede Szene inszenatorisch zur Schlüsselszene, was die Wirkung wirklich bedeutender Momente verpuffen läßt.

Kingdom of Heaven ist, den Vorwurf muß man Scott machen, so konventionell wie nur möglich. Kann man sich damit und den anderen Mängeln abfinden, läßt sich Kingdom of Heaven als schwelgerisches Ausstattungskino durchaus genießen. Der Aufwand, der für den Film betrieben wurde, ist beträchtlich, und Scott läßt sich keine Gelegenheit entgehen, ihn ins rechte Licht zu rücken. Die große Überraschung ist daher auch, daß man sich tatsächlich an einem Stück Kino erfreuen kann, ohne über ideologisierte Beimischungen zu stolpern. Immerhin ist Ridley Scott der Regisseur, der in Black Hawk Down Kampfszenen derart diskriminierend inszeniert hat, daß man den wohl intendierten Denkanstößen über die entmenschlichende Wirkung des Krieges nicht zu folgen bereit war. In Kingdom of Heaven finden sich weder inszenatorische noch dramaturgische oder charakterliche Diskriminierungen der Sarazenen; das gezeigte Jerusalem hat in seiner multikulturellen Friedlichkeit paradiesische Züge, bevor christliche Fanatiker die Macht an sich reißen und grundlos Kriege provozieren. Diese deutlichen Signale sind es, die dem Film einen geradezu frivolen Charakter geben, denn für wahre Staatsmänner, das wird in mehr als einer Szene deutlich gemacht, ist Kompromißbereitschaft, die ein friedliches Miteinander zum Ziel hat, eine Primärtugend. 1970-01-01 01:00
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