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Knallharte Jungs

D 2002. R,B: Granz Henman. K: Gernot Roll. S: Ueli Christen. P: Constantin. D: Tobias Schenke, Axel Stein, Diana Amft, Rebecca Mosselman u.a.
89 Min. Constantin ab 14.3.02

Zoten, Fäkalien und peinliche Situationen

Von Matthias Grimm Was soll man von so einem Film schon erwarten, von einem, in dem ein pubertierender Knabe mit seinem besten Stück Zwiesprache hält? Zoten. Fäkalien. Peinliche Situationen. Und als ob es nicht schon genug wäre: banale Lebensweisheiten. Immerhin ist Knallharte Jungs ehrlich (und das ist eine dieser banalen Lebensweisheiten) und möchte nicht so ein Feministen-Chauvinisten-Sozialsatire-mit-ganz-tiefen-Wahrheiten-Gedöns sein wie dieser andere Film, der von Doris Dörrie.

Zoten können ja auch Witz bedeuten, Fäkalien angenehmes Ekeln, und die besten Komödianten gerieten stets aufs Neue in peinliche Situationen. Doch genug, es hat keinen Sinn, hier guten Willen zu zeigen: Dieser Film ist Kacke. Oder ganz, ganz große Kunst, denn da gab es diesen einen magischen Moment, diese 30 Sekunden, in denen ich mich wiedergefunden habe, ja, in denen mir alles plötzlich so klar wurde, sich direkt vor mir eine Welt offenbarte, wie es noch kein Film zuvor in mir bewirkt hat.

Und das war so: Da ist diese Oma, die den ganzen Tag nur furzt und rülpst. Und Bier trinkt, was sie eigentlich nicht darf, weil sie davon noch mehr furzen und rülpsen muß. Und da ist Florian, der Held, naja, wenn man es denn so nennen mag. Und dieser Florian versteckt sich bei der Oma in einem Schränkchen unter der Spüle im Bad – die näheren Umstände, wie es dazu kam, sind für die folgende Betrachtung nicht ausschlaggebend, man kann aber gewiß sein, daß sie irgendwas mit Zoten, Fäkalien und peinlichen Situationen zu tun haben.

Auf jeden Fall: Da sitzt der arme Kerl und wartet, daß die Oma endlich fertiggeschissen hat. Die braucht halt ein bißchen länger, dafür kracht und knallt es umso lauter. Der Junge ist schon ganz grün im Gesicht vor Ekel, da muß die Oma feststellen: Jetzt ist das Klo auch noch verstopft! Bis oben hin, wie der Zuschauer mit Freude erkennen muß, alles zu mit brauner Soße. Also: Klobürste zwischen die Gichtgriffel und losgeschrubbt. Daß die Oma nicht die Klobürste, sondern aus Versehen einen Vibrator dazu verwendet, ist für folgende Betrachtung irrelevant, macht die Situation aber auch nicht komischer. Natürlich ist der Vibrator 'n bißchen kurz fürs Scheißhaus, deswegen: Arme hochgekrempelt und rein in die Brühe. So richtig tief, daß alles überläuft. Ja, da freut sich der Florian, so richtig kotzübel wird's dem inzwischen, die Mundwinkel angewidert bis an die Ohren hochgezogen. Die Oma hat aber keine Chance gegen die Scheiße im Klo, da tut sich nix. War halt 'n zünftiger Stuhlgang, muß sich ja keiner für schämen. Aber dann erkennt sie, warum die Wurst so hartnäckig klemmt: Hilft ja nichts, so ein Vibrator, wenn der nicht angeschaltet ist. Also: Knöpfchen gedrückt, und schon landet die ganze Scheiße mitten in ihrer Fresse. Dem guten Florian ist jetzt richtig kotzschlecht, wie mir, aber es kommt noch besser, als die Oma nämlich den Vibrator wieder entsorgen muß, schmeißt sie ihn, ja genau, zum Flori in den Schrank ins Gesicht. Kotz!

Und da kommt es mir: Sind die Lamellen, durch die Florian die ekelhafte Szene beobachtet, nicht eine Metapher für das Widescreen-Format? Ist der Film als bildgewordener Rotzbollen nicht Ausdruck allen Schauderns dieser Welt, das sich vor uns verschließt, weil wir selbst darin gefangen sind, unfähig es zu erkennen? (Oder anders ausgedrückt: Kacken ist gut, solange ich nicht anderen dabei zuschauen muß.) Und ist der Ausdruck in Florians Gesicht nicht derselbe, der sich auch in meinem wiederfindet? Jetzt gerade. In diesem Moment. Da springe von meinem Kinosessel auf und rufe: »Das bin ich! Dieser Film ist über mich! Und all die Scheißfilme, die ich immer angucken muß!« Da hab' ich mich aber gefreut. 1970-01-01 01:00

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