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Knallhart

D 2006. R: Detlev Buck. B: Zoran Drvenkar, Gregor Tressnow. K: Kolja Brandt. S: Dirk Grau. M: Bernd Wrede. P: Boja Buck. D: David Kross, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Erhan Emre, Oktay Özdemir u.a.
99 Min. Delphi ab 9.3.06

Ich kann auch anders

Von Sebastian Gosmann Ein verdreckter Hinterhof, umgeben von grauen Hauswänden. Das ist der traurige Anblick, der sich dem fünfzehnjährigen Michael Polischka bietet, schaut er aus dem Fenster seiner neuen Bleibe in Berlin-Neukölln, die er zusammen mit seiner jungen Mutter in Ermangelung von Alternativen beziehen mußte. Aber auch außerhalb der deprimierenden Enge ihres mit Tageslicht unterversorgten Zweizimmerlochs zeigt sich das Leben nicht gerade von seiner Sonnenseite.

Detlev Buck zeichnet ein häßliches Bild von der Großstadt und seinen Menschen. Ein Betrunkener wird in der Kurve aus seinem U-Bahnsitz gerissen und sackt zu Boden – niemand reagiert. Buck zögert nicht, immer wieder Beispiele aufzuzeigen für den von sozialer Verelendung und Vereinsamung geprägten urbanen Lebensraum, in dem Michael auf sich allein gestellt ist. Auf seine unselbständige Mutter kann er nicht zählen.

So erscheint sein Weg in die Kriminalität nicht nur plausibel, sondern gar als die einzige Chance auf körperliche Unversehrtheit. Im Kreise der Familie seines arabischstämmigen Bosses fühlt er sich erstmals geborgen und sicher. Er genießt die ihm entgegengebrachte Gastfreundlichkeit sichtlich. Diese Leute sind gut zu ihm. Wieso sollte er ihnen nicht vertrauen?

Kolja Brandts Kamerakonzept geht wunderbar auf. Seine Bilder passen sich ihrer Umgebung perfekt an. Die entsättigten Farben verstärken die Trostlosigkeit des Gezeigten, lassen auch bei strahlendem Sonnenschein keinen wirklichen Lichtblick zu. Immer wieder verfolgen wir Polischka auf seinem alltäglichen Weg durch die bevölkerten Straßen Neuköllns aus der Vogelperspektive. Er wirkt unsicher und verloren im Großstadtgewirr. Wenn der Einzelkämpfer auf Erol und seine Gang trifft, stockt der Atem. Die verwackelten Nahaufnahmen, die schnelle Schnittfolge und wiederholte Achsensprünge vermitteln die Bedrohlichkeit und Ausweglosigkeit der Situation auf eindringliche Weise. Mittels eines grandiosen Cut-Outs werden wir kurzzeitig zu stummen Zeugen der Gewalt, indem wir für etwa drei Sekunden aus größerer Entfernung auf das Geschehen blicken, um mit dem nächsten Schnitt wieder ganz nah dran zu sein.

Wenn Michael seinem Erzfeind Erol später dabei behilflich ist, dessen Kinderwagen die Stufen hinaufzutragen, kommt für einen kurzen Moment Hoffnung auf. Als sich die beiden ihres Gegenübers gewahr werden, scheint die Zeit still zu stehen, die Treppe endlos lang. Wird jetzt alles anders? Oben angekommen, ist Erols zögerliches Nicken kaum wahrnehmbar. Danke. Bei der nächsten Begegnung gibt's dann wieder einen auf die Fresse.

Inmitten der allgegenwärtigen Gewalt schafft Buck jedoch auch kleine Ruheoasen: Ein alter Mann reicht wortlos und mit einem warmen Lächeln das Mundstück einer Wasserpfeife an Michael weiter. Diese freundliche Geste im Frisörsalon ist nicht nur Balsam für des Protagonisten Seele. Während sich Michael diesem orientalischen Gesellschaftsritual hingibt, wird auch dem Zuschauer eine kurze Auszeit vom lärmenden, ätzenden Berlin gewährt. Die Kamera schwärmt dabei mit wunderbar hypnotischen Nahaufnahmen vom Barbier-Handwerk.

Trotz der Ernsthaftigkeit seines Anliegens läßt der Regisseur vereinzelt Raum für seinen typischen Humor. Wenn Michael bei seinem Besuch auf dem Polizeirevier die scherzhaft gemeinte Frage entgegentönt, was er denn trinken wolle – Cola, Fanta oder Bier – dann fühlt man sich vage an die guten alten Komödienzeiten erinnert. Über kleine Drehbuchschwächen und den stellenweise etwas unbeholfen wirkenden Einsatz von Musikstücken ist angesichts des gelungenen Gesamtwerks hinwegzusehen.

Die engagierte Recherche in Berlin-Neukölln hat sich bezahlt gemacht. Der Film besticht durch seine detailverliebte Milieuschilderung und die Glaubwürdigkeit seiner Darsteller; allen voran David Kross, der die Verletzlichkeit seines Charakters gekonnt zu vereinen weiß mit der Aufmüpfigkeit eines Halbwüchsigen und der Abgeklärtheit eines Geschäftsmannes. Kompromißlos in Form und Aussage, liefert Detlev Buck mit Knallhart ein überraschend stimmiges Werk ab, das konzentriert auf sein unerhört spannendes Ende zuläuft. Vielleicht ist das der Beginn einer neuen Schaffensperiode. Buck hat jedenfalls bewiesen, daß er auch anders kann. 1970-01-01 01:00

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